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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Medikamentenausgabe im US-Krankenhaus

Montag, 5. August 2013

In jedem Krankenhaus der Welt ist die Gefahr der falschen Medikationsgabe stets gegeben und kann je nach Medikament, Situation und Patient groβe, manchmal sogar lebensbedrohliche Konsequenzen nachsichziehen. Gerade in einem juristisch stark überwachten Land wie den USA ist es deshalb unabdingbar, diese Gefahr soweit wie möglich zu minimieren. Deshalb überrascht es nicht, dass die Medikamentenausgabe hier stark reglemtiert ist.

Die USA haben ein ausgeklügeltes System entwickelt: Es beginnt damit, daβ der Krankenhausarzt bestimmte Medikamente verschreibt und diese in ein EDV-System entweder selber eingibt oder der Stationssekretär seine Anweisungen in die Krankenhausapotheke faxt. Ein Krankenhausapotheker überprüft dann diese Medikamentenanordnungen und ruft bei Fragen den Arzt direkt an. Heute habe ich z.B. folgende Fragen erhalten: “Wollen Sie wirklich Cefepime 1 g dreimal täglich geben obwohl die glomeruläre Filtrationsrate 28 ist?” Oder: “Sie haben Ciprofloxacin angeordnet; der Patient nimmt aber Marcumar – wollen Sie nicht die Dosierung anpassen?”

Hat der Apotheker – von denen es meistens mehrere pro Schicht gibt, auf den Intensivstationen manchmal gar vor Ort auf Station als Ansprechpartner sitzend – alles bearbeitet, so gibt er die Medikamente frei. Maschinell wird jede einzelne Tablette in eine Plastiktüte gesteckt und versiegelt. Hiernach werden sie in ein elektronisch abgeriegeltes Medikationsfach, von denen es ein bis zwei pro Station gibt und die man sich von der Gröβe und Aussehen her wie ein 1,5 m groβer Kasten mit vielen Schubladen und kleinem Bildschirm vorstellen muss, geschickt.

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Die Krankenschwester kann die Medikamente nun für ihren Patienten zur jeweiligen Medikationszeit herausnehmen, muss sich aber vorher mit Ausweis und Kennwort einloggen ehe der Maschinenbehälter aufgeht und ihr die für die jeweilige Schicht abgefüllte Medikation freigibt. Hierbei registriert er genau, welche Medikamente entnommen wurden und von wem.

Hiernach tritt die Krankenschwester ins Patientenzimmer ein, loggt sich in den im Patientenzimmer befindlichen Rechner erneut mit ihrem Benutzername und Kennwort ein, nimmt das in jedem Zimmer stehende Barcodelesegerät zur Hand und scannt dann vom Armband des Patienten seine Patienten­nummer in das Rechnerprogramm ein. Das Programm ist nun bereit für die Medikationsausgabe und ihre Abgleichung. Dann scannt die Schwester elektronisch jedes Medikament – das pro Tablette in einer
Einzelplastikpackung verpackt ist – ein, das Programm klickt, piepst und hakt es als “gegeben” ab, gleicht es aber vorher nochmals mit den Vitalparametern und einigen Basislaborwerten ab. In Einzelsituationen ertönt ein kurzer Piepston und die Krankenschwester muss bestätigen, dass der Betablocker z.B. trotz des Blutdruckes von 94 systolisch gegeben oder das Medikament trotz der
Allergie verabreicht werden kann. 

Erst jetzt, wenn die Reihenfolge Arzt-Apotheker-EDV-Programm-Krankenschwester-Patient funktioniert und jeder das Einverständnis gegeben hat, kann die Krankenschwester das Medikament auspacken und dem Patienten zur Einnahme geben. Ähnlich verfährt sie mit IV-Flüssigkeiten, die vom Apotheker zubereitet und dann auf Station hoch geschickt werden.

Die Sicherheit ist groβ, der Nachteil aber eindeutig: Das System benötigt viele Ressourcen, sowohl personell als auch logistisch, ehe eine einfache Sache wie eine Tablettengabe ermöglicht wird. Das ist mit ein Grund, wieso knapp 18% des BIP in den USA für das Gesundheitssystem gebraucht werden  und in Deutschland nur 11%.

Leserkommentare

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Avatar #53678
avisena
am Freitag, 9. August 2013, 08:53

Medizin in Sozialismus

Für so ein sozialistisches Land wie Deutschland ist gleichgültig wie man die Medikamente im Krankenhaus verteilt! Ob das eine deutsche oder russische oder polnische Krankenschwester macht, uninteressant! Hauptsache billig soll das sein!!
Avatar #96694
Bruddler
am Donnerstag, 8. August 2013, 21:34

Es folgt immer wieder die gleiche Frage:

Warum nur, warum, leben die Menschen in USA so viele Jahre kürzer als in Europa mit seinen verantwortungslosen Medikamentengebern?
Avatar #625311
L.A.
am Dienstag, 6. August 2013, 14:47

Und jetzt muss nur noch ein Roboter die Tablette dem Patienten in die Speiseröhre...

...einführen ! Alles vorher ist perfektioniert- den Unsicherheitsfaktor "Patient" will man so lassen?
Ein guter Bericht, der neue Einsichten in das Gesundheitssystem in den USA bringt !
LNS
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