Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Bald Teilzeit?

Montag, 29. Juli 2013

Ich hatte kürzlich anklingen lassen (siehe Blog Neue Führung), dass meine Arztgruppe von einer US-weit agierenden Klinikgruppe aufgekauft worden ist. Es wurde ein Millionenbetrag an die drei Eigentümer unserer Arztgruppe bezahlt und nun arbeiten meine Kollegen und ich statt für die ärztlichen Eigentümer für diese groβe Klinikgruppe; wir sind somit Teil eines Kollegenkreises von mehreren Tausend Ärzten USA-weit.

Die Veränderungen habe ich in jenem Blog schon geschildert und will vor allem die negativen hier nochmals umreiβen: Wir haben nun wöchentliche Konferenzen, in denen unser Patientenvolumen einzeln im örtlichen Kollegenkreis vorgestellt wird und eine täglich im Internet aktualisierte Rangliste, die angibt, wie wir im Verhältnis zu den anderen stehen; da wir uns mehrmals pro Tag einloggen müssen, und sie auf der Hauptseite vorkommt, ist sie omnipräsent.

Das Ziel ist klar: Der Krankenhausträger verdient pro Patient an uns – wir Ärzte in den USA erhalten nämlich täglich pro visitierten Patient einen bestimmten Geldbetrag, von dem die Firma 30% des Überschusses für sich und 70% als Bonus an den jeweiligen Arzt ausschüttet; wer drei Monate hintereinander einen Verlust erwirtschaftet, so wird hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, dem wird gekündigt – und diese Patientenvolumenzahlen sind als Ansporn gedacht.

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Weiterhin durchlaufen wir einmal monatlich Schulungen auf denen uns „kundenzentriertes” Verhalten vermittelt wird, also wie wir gegenüber den Patienten, aber auch den Krankenhäusern und den via uns einweisenden Ärzten freundlich und zuvorkommend auftreten sollen, nach den Mottos „Freundlichkeit belebt das Geschäft” und „der Patient ist als Kunde König”.

Patienten werden nach ihrer Entlassung von meiner Arztfirma angerufen und täglich erhalte ich via ePost Rückmeldung wie zufrieden sie mit meiner Arbeit waren (z.B. „auf einer Skala von 0 bis 5, wobei 5 ‘sehr zufrieden’ bedeutet, wie würden Sie Ihre Zufriedenheit bei der ärztlichen Behandlung von Dr. Petrulus bewerten?”). Darüber hinaus wird die monatliche Arbeitsplaneinteilung und Vergabe der arbeitsfreien Tage nun durch eine geographisch weit entfernte Adminstrationsebene mitbestimmt mit entsprechendem Flexibilitätsverlust und Frustrationen.

Kurzum, es herrscht ein Qualitäts-, Effizienz- und vor allem Gewinnerwirtschaftungsdruck, der seit zwei Monaten an mir nagt. Wir arbeiten sowieso schon sehr viel, haben nun zusätzliche Bürden erhalten, die auf der Individualebene aber nur in wenigen Fällen von mir als Bereicherung wahrgenommen werden.

Die Arbeitsstelle ist zwar weiterhin eine positive, hat aber sehr viel ihres ursprünglichen Charmes verloren. Zusätzlich wird sich ab November das Patientenvolumen in Florida nach Ankunft der Kanadier und Nordstaatler gefühlt verdreifachen, was weiterhin eine Arbeitsverdichtung mit sich bringen wird. Daher überlege ich was am besten zu tun ist.

Die Diskussionen der Generation Y haben mich sehr zum Nachdenken angeregt und gerade in meinem Freundeskreis sind sie altersbedingt in hohem Maβ vertreten. Viele empfehlen mir in so einer Situation das Zurückfahren der Arbeitszeit auf ein weniger anstrengendes Maβ. Das klingt zwar sehr „ich-bezogen“, doch angesichts der oben geschilderten Veränderungen vernünftig; im Gegenzug werde ich mich umschauen, ob ich nicht ggf. in einer der vielen Armenkliniken aushelfen kann sowie einige der schon lange in meiner Schublade sitzenden Fälle für eine Publikation vorbereiten kann. Ganz geht damit meine Arztarbeitskraft aus gesellschaftlicher Sicht also nicht in nur Freizeit verloren.

Die Entscheidung ist somit gefällt – diese Woche trete ich an meinen Chef heran und bespreche mit ihm eine Umstellung auf Teilzeit. Auf die Reaktion bin ich gespannt. Doch ich betrachte diesen Schritt mittelfristig als Ausgangstür hinaus aus meiner Arztgruppe, eine Gruppe, die für meinen Geschmack mittlerweile zu sehr durchökonomisiert ist.

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