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IDLE statt Carcinoma-in-situ

Freitag, 2. August 2013

Die meisten Menschen verbinden Krebs mit einer tödlichen Gefahr, obwohl Früherkennung und bessere Behandlung die Rate der letalen Ausgänge gesenkt haben. Eine Herzinsuffizienz hat häufig eine deutlich schlechtere Prognose, die aber selten in 1-Jahresüberlebensraten erfasst wird. Die Diagnose „Krebs“ verängstigt dagegen Menschen, die den feinen Unterschied zwischen einem invasiven Karzinom und einem Carcinoma-in-situ nicht kennen.

In der Vergangenheit wurden deshalb mehrfach Namensänderungen durchgeführt. Eine Frühform des Blasenkrebses wurde 1998 zur „papillären urothelialen Neoplasie von niedrig malignem Potenzial (PUNLMP). Auch beim Zervixkarzinom-Screening wird die Bezeichnung „Krebs“ in den Frühstadien vermieden. Das frühere Carcinoma-in-situ heißt hier zervikale intraepitheliale Neoplasie (CIN) Grad III.

Drei US-Experten schlagen jetzt im US-amerikanischen Ärzteblatt vor, weiteren Frühformen maligner Tumoren den Makel „Krebs“ zu nehmen. Dazu gehört das duktale Carcinoma-in-situ der Brust oder das intraduktale Prostatakarzinom. Letzteres wird heute schon korrekter als „hochgradige prostatische intraepitheliale Neoplasie“ (HGPIN) bezeichnet. Die Zahl dieser Diagnosen von unklarer prognostischer Bedeutung hat infolge des Screenings zugenommen.

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Um die Problematik den Patienten näher zu bringen, schlagen Laura Esserman von der Universität von Kalifornien in San Francisco und zwei Kollegen den Sammelbegriff IDLE vor. Das Akronym IDLE steht für „indolent lesions of epithelial origin“, idle bedeutet im Englischen aber auch „untätig“ und beschreibt den Zustand einer Neoplasie, die sich in ein Karzinom entwickeln kann – aber nicht muss.   

Das therapeutische Dilemma, das sich daraus ergibt, ist jüngst durch die Bezeichnungen „Überdiagnose“ und „Übertherapie“ mit einer negativen Konnotation versehen worden. In Wirklichkeit zeigt es aber nur die Ratlosigkeit, da niemand bei den IDLE-Diagnosen sagen kann, ob es zu einer Weiterentwicklung zum Krebs kommt oder nicht.

Problematisch sind die IDLE bei der Prostata- und Brustkrebsfrüherkennung, da das Screening hier zu einer Zunahme der Diagnosen geführt hat, ohne dass derzeit sicher ist, welchen Anteil dies an der Abnahme der Sterblichkeit hat, die im gleichen Zeitraum registriert wurde. Auch beim Bronchialkarzinom, dessen Screening jetzt gefordert wird, könnte es zu Überdiagnosen kommen, meint Esserman.

Noch problematischer ist die Situation beim Schilddrüsenkrebs. In den USA hat die Früherkennung hier fast zu einer Verdreifachung der Inzidenz geführt, der kein wesentlicher Rückgang der Mortalität gegenübersteht. Noch ungünstiger sind die Zahlen übrigens beim Melanom. Die Zahl der Diagnosen hat sich seit 1970 verdreifacht, aber die Zahl der Todesfälle ist um 30 Prozent gestiegen.

Dies dürfte hier aber auf eine echte Zunahme durch ein verändertes Freizeit- und Reiseverhalten zurückzuführen sein (gepaart mit fehlenden echten Fortschritten in der Therapie). Das Melanom-Screening wird derzeit nicht in Frage gestellt, zumal die Patienten im ungünstigsten Fall ein wenig Haut verlieren und nicht wie beim Schilddrüsenkrebsscreening ein lebenswichtiges Organ.

Außer Zweifel steht das Screening beim Zervix- und beim Darmkrebs. In beiden Fällen ist eine echte Vorsorge möglich durch die Entfernung von prämalignen Läsionen. Experten rechnen damit, dass die Teilnahme am Koloskopie-Screening den Erfolg des Pap-Screenings wiederholen könnte (wenn die gleiche Akzeptanz erreicht wird). Auch im Darm gibt es vermutlich IDLE-Läsionen (nicht jedes fortgeschrittene Adenom entwickelt sich zum Karzinom). Doch die Nachteile der Entfernung dürften bei weitem geringer sein als beim Mamma- oder Prostatakarzinom.

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