Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Seilspringen

Freitag, 16. August 2013

Derzeit versuche ich mein seit Jahren vorhandenes Übergewicht von knapp fünf Kilogramm abzuschwitzen – mein Körpermassenindex liegt bei 25,9 und liegt entsprechend per definitionem im Übergewichtsbereich. Deshalb treibe ich seit drei Wochen durchschnittlich zehn Mal pro Woche Sport, also an manchen Tagen zwei und an wenigen sogar drei Mal täglich. Es geht nur sehr langsam voran, und der Gewichtsverlust ist aktuell mehr Wunschvorstellung denn Realität.

Nun habe ich mir als Teil dieses Planes ein Springseil gekauft – nichts Besonderes, eben ein weiβes Kunststoffseil mit zwei Handgriffen an beiden Seiten, Kostenpunkt knapp drei US-Dollar. Auf dieser Internetseite kann es begutacht werden: http://www.walmart.com/ip/Gold-s-Gym-Nylon-Jump-Rope/21695201.

Als ich es aufmachte fand ich neben dem Seil auch eine zweiseitige Gebrauchsanweisung; mich überraschte es nicht, dass sie vor allem aus Warnhinweisen bestand. Von diesen will ich auszugsweise einige Sätze wiedergeben, denn sie sind typisch für die in den USA ubiquitäre Angst, juristisch belangt zu werden:

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„Bevor irgendein körperliches Ertüchtigungsprogramm begonnen wird, sollte ein Arzt konsultiert werden. Dieses ist vor allem wichtig für Menschen, die älter als 35 sind oder jene mit Gesundheits­beschwerden”. Oder: „Der Eigentümer muβ alle Benutzer dieses Produktes über die korrekte Handhabung und die zu treffenden Vorsichtsmaβnahmen vor Gebrauch informieren”. Weiterhin: „Halten Sie alle Kinder unter 14 Jahren und Haustiere von diesem Produkt fern. Tragen Sie immer Augenschutz [Augenschutz bei einem Springseil! Anmerkung Petrulus]beim Gebrauch dieses Gegenstandes”. Zum Abschluss noch: „Exzessives Training kann zu schweren Verletzungen oder gar zum Tod führen. Wenn Sie sich benommen fühlen oder Schmerzen verspüren, hören Sie sofort auf”. 

Mit dieser Angst vor Klagen im Nacken machen wir Ärzte täglich Visite. Ob der Rechtsanwaltdruck nun reell so gefährlich ist, wie er wahrgenommen wird, sei dahingestellt. Aber wie man selbst am Beispiel dieses kleinen Springseils sieht, hat die Angst vor juristischen Klagen die gesamte Gesellschaft durchdrungen. Sie beeinflusst natürlich den täglichen Umgang mit Patienten, und dieser omnipräsente Einfluss ist der deutlichste Unterschied zum Arbeiten in Deutschland.

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Avatar #88846
freeon_f
am Mittwoch, 21. August 2013, 11:13

Lustiges Springseil

»mit zwei Handgriffen an beiden Seiten« also vier Griffe insgesamt ? – zur Benutzung durch 2 Personen gleichzeitig? ... so frei nach A.O. Weber –
‚Ein Ehepaar hat meist vier Hände, jedoch zwei Köpfe immer – und das ist schlimmer‘
;)
Avatar #634479
mkg-arzt
am Samstag, 17. August 2013, 11:49

Häufigkeit und Höhe der Klage im Vergleich

Vieles wird doch für das jeweilige andere Land hochgepuscht. Wird denn nicht genauso häufig in Deutschland wie in den USA geklagt? Und ist es denn nicht nur die Höhe der Klage in USA die uns Angst macht??
Avatar #648603
normalerdoktor
am Freitag, 16. August 2013, 23:15

Gutes gelingen!

Lieber Kollege Petrulus, über lange Zeit (ich habe ihn allerdings nicht immer verfolgt) haben Sie mir in Ihrem Blog den Eindruck vermittelt, doch sehr unkritisch dem American Way of Life und auch dem American Way of Medicine zu huldigen. Aus Ihren letzten Beiträgen, v.a. zum Thema Teilzeit, klingt dann doch mehr Nachdenklichkeit heraus, als ich erwartet hätte. Dass im übrigen in den USA der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP höher als irgendwo sonst auf der Welt ist, liegt meines Erachtens nicht zuletzt an der Extremform der Kommerzialisierung, die Sie da beschreiben.

Vielleicht wird mit etwas weniger als gleich 10(!)x Sport / Woche und dafür etwas mehr Ruhe und Beschäftigung mit Dingen, die Ihnen außerhalb des Berufes auch noch liegen (hat die Teilzeit schon begonnen?) von selbst etwas aus der gewünschten Gewichtsreduktion. Und selbst wenn nicht - entspannen Sie sich!
Avatar #88599
elisse
am Freitag, 16. August 2013, 15:53

Sportwahn

Mal davon abgesehen, das ein BMI von 26 nichts bedeuten muss, ist es schon verwunderlich, dass ein Internist glaubt, durch Sport abnehmen zu können.

Anstelle des Versuchs, zugeführte Kalorien zu verbrennen, könnte man vielleicht einmal versuchen, weniger Kalorien zuzuführen. Oder gar beides?
LNS
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