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Phobien im Traum behandeln

Montag, 23. September 2013

Vergessen Sie die Couch des Psychoanalytikers. Die Therapie von Phobien und anderen lästigen Erinnerungen erledigen sie demnächst im Schlaf. Mit einer speziellen Expositionstherapie, deren Wirkung Katherina Hauner von der Feinberg School of Medicine in Chicago und Mitarbeiter entwickelt und in einer Studie untersucht haben.

Zunächst haben die Forscher bei 15 gesunden Erwachsenen experimentell eine Phobie erzeugt, und zwar mit der klassischen Konditionierung. Den Probanden wurden Bilder von Gesichtern gezeigt und zugleich ein leichter Stromschlag versetzt. Dies wiederholten die Forscher solange, bis die Probanden bereits beim Betrachten der Bilder zusammenzuckten und ihnen der Schweiß ausbrach. Gleichzeitig wurden ihnen bestimmte Duftstoffe angeboten, um die Schreckreaktion an Reize zu binden, die auch im Schlaf wahrgenommen werden.

Denn Gerüche registriert das Gehirn selbst im Tiefschlaf. Die Forscher warteten, bis Slow-waves im EEG eine Traumphase anzeigten, dann wurden die Teilnehmer den Gerüchen ausgesetzt, die mit den Ängsten verbunden waren. Hauner vermutet, dass die Düfte im Traum die konditionierten Bilder hervorrufen. Den Probanden war das nicht bewusst. Doch als sie am nächsten Tag im wachen Zustand mit denselben angsterregenden Bildern konfrontiert wurden, waren die Schreckreaktionen vermindert.

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Um zu untersuchen, was dabei im Gehirn passiert, wurden die Probanden vor und nach dem Schlaf im Kernspintomographen untersucht. Die funktionelle Magnetresonanztomographie zeigte eine veränderte Aktivität im Hippocampus, wo die Information gespeichert wird, und in den Amygdalae, wo die emotionale Bewertung erfolgt. Hauner schließt daraus, dass die Traumtherapie Erinnerungen löschen kann oder wenigstens die damit verbundene Angstreaktion abschwächt.

Die Ergebnisse widersprechen ein wenig den derzeitigen Vorstellungen von der Bedeutung des Träumens. Die meisten Hirnforscher gehen davon aus, dass Träume an der Bildung neuer Erinnerungen beteiligt sind. Die Exposition sollte deshalb die Erinnerungen eher fördern statt sie zu beseitigen. Denkbar ist allerdings, dass die ungestörte Umgebung im Bett es dem Patienten erleichtern könnte, schreckbeladene Erinnerungen als harmlos zu empfinden und bei wiederholter Exposition in nicht-belastenden Schubladen des Gedächtnisses abzulegen.

Ob die Therapie klinisch umsetzbar ist, lässt sich nicht vorhersagen. Ohne Psychotherapeuten wird es aber nicht gehen, da die Phobien zunächst mit bestimmten Gerüchen konditioniert werden müssen. Außerdem ist für die Bestimmung der Hirnwellen eine gewisse apparative Ausstattung vonnöten, sodass die Therapie sich wohl eher für die kontrollierte Umgebung eines Schlaflabors eignet als für das heimische Schlafzimmer.

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Avatar #29167
jrosin
am Dienstag, 24. September 2013, 13:03

Behandlung von experimentell erzeugten Phobien

Es ist davon auszugehen, dass echte Phobien sehr viel tiefer und weitverzweigter in Persönlichkeitsstrukturen verwurzelt sind, da sie einerseits zum Zeitpunkt der Behandlung sehr viel länger bestehen als die hier behandelten experimentell erzeugten und weil sie andererseits wahrscheinlich auf dem Boden einer hierfür vulnerablen Persönlichkeit entstanden sind. Auch wenn solche Studien natürlich Hinweise auf Wege geben können, die man versuchsweise gehen kann, wäre der Hinweis auf diese Einschränkung wichtig gewesen. So wird leider wieder einmal die häufig anzutreffende Vorstellung von Psychotherapie gefördert, man müsse nur die richtige, relativ unkomplizierte aber spezifische Technik anwenden, um komplizierte und langwierige Probleme loszuwerden. Die tägliche Erfahrung sowohl in der verhaltenstherapeutischen wie auch in der tiefenpsychologisch-psychoanalytischen Praxis ist leider in der großen Mehrzahl der Fälle eine andere.

Jörg Rosin
Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Psychoanalyse
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