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Von Norddeutschland nach Nordengland. Ladydoc wagt im Königreich den Blick über den Tellerrand. Hier bloggt sie über ihre Erlebnisse als „Trainee“ in der Psychiatrie.

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Oh Schreck, ein Schock

Dienstag, 8. Oktober 2013

Der Morgen beginnt entspannt mit einer Tasse Tee, aber dann öffnet sich die Tür des Grauens! Nein – ich übertreibe natürlich gnadenlos, das Gegenteil ist der Fall. Es geht um die „ECT-Suite“ in denen die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) durchgeführt wird.

Genaugenommen sehen die Räume und Gerätschaften sehr unscheinbar aus, aber in der Allgemeinheit ist die Vorstellung der EKT relativ beängstigend und mit Bildern wie aus dem 70er Jahre Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ besetzt. In dem Film werden aufmüpfige Patienten mit EKT bestraft und kommen anschließend als sabbernde Menschenhüllen zurück auf die Station. Dabei kann die EKT eine sehr effektive und nebenwirkungsarme Therapie bei eigentlich therapieresistenten Depressionen oder katatonen Zuständen sein. Nachteil können beispielsweise anschließende Gedächtnisstörungen sein.

In England wird die EKT in vielen psychiatrischen Abteilungen angeboten und gehört auch in der psychiatrischen Ausbildung schon ab dem ersten Jahr zum Pflichtprogramm. Als Junior Doctor muss ich zunächst Kompetenzen bezüglich des theoretischen Hintergrund nachweisen und mindestens einmal zusehen. Nach dem Prinzip „see one, do one“ kann ich dann selber die EKT mit einem Oberarzt durchführen und für das Portfolio nachweisen.

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In unserem Krankenhaus sind zweimal wöchentlich EKT-Tage. An diesen findet zunächst die eingangs angedeutete Vorbesprechung im multidisziplinären Team bei einer Tasse Tee statt. Anschließend begrüßen wir den Patienten. Dieser muss mit der EKT einverstanden sein, denn auch Patienten, die gegen ihren Willen psychiatrisch untergebracht sind, dürfen zu dieser Behandlungsform nicht gezwungen werden. Rechtlich gibt es noch einige zusätzliche Paragrafen, Prozeduren und Formblätter, die zu berücksichtigen sind. Es wäre jedoch zu aufwendig, an dieser Stelle darauf einzugehen.

Nach Einwilligung und Überprüfung der Formalia beginnt der Anästhesist dann mit der Einleitung einer Kurznarkose (Propofol) und anschließenden Muskelrelaxation (Succinylcholin). Parallel sind meine Aufgaben die Einstellung der elektrischen Impulsstärke gemäß Protokoll bzw. wie mit dem Oberarzt abgestimmt, eine kurze basale EEG-Ableitung und Vorbereitung der Kopfareale, auf welche die Elektroden später aufgesetzt werden (Ultraschallgel zur Verbesserung der Stromleitung). Sobald das Muskelrelaxans wirkt, setzt der Anästhesist einen Bisschutz ein, und ich setze an den vorbereiteten Stellen im Schläfenbereich (bei bilateraler Behandlung) die Elektroden auf. Jetzt muss es schnell gehen!

„Ready?“ fragt mein Oberarzt. Ich bitte alle vom Bett wegzutreten und bestätige „Ready!“, während ich die Elektroden fest an die Schläfen drücke. „Ready for treatment?“ fragt der Oberarzt. Sobald ich bestätige „Ready to treat!“ drückt er den Knopf, um den elektrischen Impuls zu setzen. Es gibt einen Rückstoß und ich muss gut festhalten, um die Elektroden an Ort und Stelle zu halten, während die Maschine laut piept.

Das EEG läuft und unser Patient beginnt tonisch-klonisch zu krampfen, jedoch ist dies aufgrund des Muskelrelaxans nur minimal zu sehen. Mit dem Piepen endet auch die Impulssetzung, so dass ich die Elektroden wegnehmen kann, der Patient krampft weiter. Wir zählen die Sekunden. Einige Sekunden nachdem der visuell sichtbare Krampf endet, sieht man auch das Ende des Krampfes im EEG. Im Idealfall sind wir zufrieden mit der Länge und machen Platz für den Anästhesisten, ansonsten wird die Prozedur ggf. wiederholt.

Noch während wir das EEG analysieren und das Protokoll ausfüllen wird der Patient zumeist wieder wach und bekommt wenig später im Aufwachraum einen Tee. So schließt sich der Kreis und letztlich sind die Schocks gar kein so großer Schreck. Unser Patient zumindest, der vor Behandlungsbeginn so depressiv war, dass er weder aß noch trank, lächelt mich nun nach der vierten Sitzung vorsichtig an und knabbert an einem Keks während ich mich bis zum nächsten Mal verabschiede.

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