Res medica, res publica

Res medica, res publica

Gesundheit ist eine öffentliche Sache. Das war schon 1907 so, als William Ewart seine Antrittsvorlesung am St. George's Hospital in London unter den Titel "Res medica, res publica" stellte. Wo muss der Staat handeln und wie? Was bedeuten gesundheitspolitische Vorschläge, wenn man sie zu Ende denkt? Gedanken dazu von Heinz Stüwe, Fachjournalist für Wirtschaft, Sozial- und Gesundheitspolitik.

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Res medica, res publica

Experten und Populismus

Freitag, 8. November 2013

Die Koalitionsverhandlungen werden derzeit in zahlreichen Arbeitsgruppen geführt. Das ist gut so. Wenn Experten für das jeweilige Fachgebiet am Tisch sitzen, sind sie offenbar aber nicht davor gefeit, sich in populistische Lösungen zu flüchten, wie die von Karl Lauterbach (SPD) und Jens Spahn (CDU) geleitete Arbeitsgruppe Gesundheit zeigt.

Die beiden Unterhändler wollen das Problem der langen Wartezeiten auf Facharzttermine lösen, und zwar auf schlagzeilenträchtige Art. Wer als gesetzlich Versicherter innerhalb von vier Wochen keinen Termin beim niedergelassenen Vertragsarzt bekommt, soll in ein Krankenhaus gehen können. Die Behandlungskosten dort sollen vom Budget der Kassenärzte abgezogen werden. Also ein Honorar­regress neuer Art, nachdem der Arzneimittel-Regress seit Jahren nicht nur Ärzte, sondern auch ihre Patienten verärgert.

Wenn Patienten Wochen und Monate auf einen Facharzttermin warten müssen, ist das kein zufrieden­stellender Zustand. Aber Bestrafungsregelungen sind keine Lösung. Sie erfordern ganz sicher neue Ausführungsbestimmungen im Sozialgesetzbuch, Ausnahmeregelungen, Schlichtungsstellen für Streitfragen, Vorschriften zur Honorarbereinigung und, und und. Nein, die große Koalition muss sich an die Ursachen heranwagen. Zum Beispiel an den Systemfehler, der darin liegt, dass manche Kassenärzte wegen aufgebrauchter Budgets gar keine neuen Patienten mehr wollen.

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 9. November 2013, 11:55

"Schwarze Pädagogik" in der GKV?

Hier wird mit "Schwarzer Pädagogik" gearbeitet: Wenn ein GKV-Kassenpatient länger als 4 Wochen o h n e Rücksicht auf Dringlichkeit, Versorgungs- und Inanspruchnahme-Realität auf einen Termin beim Facharzt warten muss, sollen die Kosten für die Alternativbehandlung z. B. im Krankenhaus und der damit verbundene Vermittlungsaufwand von der G e s a m t v e r g ü t u n g aller vertragsärztlich tätigen Kolleginnen und Kollegen kollektiv abgezogen werden?

Das sind entgegen den gesetzlich verbindlichen Regeln im Sozialgesetzbuch (SGB V) ein offener Vertragsbruch und eine zweifellos verfassungswidrige Kollektiv- und Sippenhaftung, die nur bei verbrecherischen Regimes und Willkürstaaten vorkommen. Trotzdem wurden vergleichbare Vorstellungen noch Anfang September 2013 in einem Entwurf des Versorgungsstrukturgesetzes vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium aufgegriffen.

Bei Ärztinnen und Ärzten, die sich in Klinik und Praxis im Rahmen von multimodalen Untersuchungs-, Diagnostik-, Therapie- und Palliativkonzepten intensiv um Kranke kümmern, fällt den politisch Verantwortlichen und Koalitionären nur noch Schwarze Pädagogik ein. Bei unseren Patientinnen und Patienten mit Drogen-, Alkohol-, Medikamentenabhängigkeit, bei HIV-, Hepatitis-, venerischen Infektionen, bei fahrlässigen Unfällen, Fehlernährung, Adipositas permagna und Hochrisikosportarten ist H i l f e statt S t r a f e unser ärztliches Leitbild: Flankiert von Beratungseinrichtungen, aufsuchender Sozialarbeit, Amtspflegschaften, gesetzlichen Betreuungen, niedrigschwelligen Hilfsangeboten, Information durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Rettungsleitstellen, Medien- und Öffentlichkeitskampagnen, "Hotlines" der Gesetzlichen Krankenkassen etc.

Was soll das narzisstisch-gekränkte, von populistisch-politischem Hass und Strafandrohung durchsetzte, pönalisierende Durcheinander bei Koalitionsverhandlung von politischen "Vorbildern", die nur noch ihre Medizin-bildungsfernen Parallelwelten kennen?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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