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Studierender Blick

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Medizin studieren im Alltag - zwischen universitärem Leben und der (Un)Gewissheit über Zukunftsperspektiven. Hormos Dafsari debattiert, was sich in den Köpfen der Zukunft abspielen mag, auch wenn es mal herkömmlicher Natur ist.

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Studierender Blick

Der Teufel steckt im Detail

Montag, 30. Dezember 2013

Was soll ein Studierender heutzutage lernen, wenn er alles mit einem Klick im Internet herausfinden kann? Multiple Choice Fragen sind überall im Studium präsent. Ich wurde in meinem Studium schätzungsweise in zehn Klausuren mit Kurzantworten konfrontiert. Und ich muss gestehen, dass es über die Jahre zunehmend schwerer wurde, medizinische Fachzusammenhänge in Sätzen zu schildern – besonders wenn man sich nicht sicher ist, was der Prüfer eigentlich genau lesen möchte.

Ich kann natürlich nicht für alle MC-Klausuren sprechen, doch die allermeisten bestehen aus Fragen zu "Spezialistenwissen", welches man von einem Facharzt der jeweiligen Disziplin erwarten könne. Sicher, es gibt den Anspruch einer wissenschaftlich orientierten Hochschulmedizin und dieser versteht sich zu Recht als einziger Auftrag einer Universität: lehren, was aktuell ist. Doch um die kühne Spitzenmedizin gedanklich ergreifen zu können, muss man jeden Schritt bis dahin verstanden haben. Wo lernt man eben dieses Verständnis von pathophysiologischen Prinzipien? Wird das von uns erwartet?

Der durchschnittliche Medizinstudierende lernt jene Themen, die er für das Bestehen der Klausur benötigt (siehe „assessment drives learning“ in der Literatur der Ausbildungsforschung). Ich kann ziemlich sicher über eine Hand voll Krankheitsbilder referieren, welche sehr selten in der allgemeinen Bevölkerung, jedoch besonders häufig an universitären Zentren zu finden sind. Doch wenn man mich fragen würde, welche pathophysiologischen Wirkmechanismen dahinter liegen, wäre ich mir nicht sicher, ob ich das beantworten könnte.

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Man sagt, das medizinische Fachwissen verdoppele sich alle 5 bis 8 Jahre. Es hat also vorstellbar durchaus Sinn gemacht, dass vor 20 Jahren noch die ersten Durchbrüche der Forschung als „Einser-Frage“ in MC-Klausuren auftauchten. Doch heutzutage überschreitet das Spezialistenwissen um einige Potenzen jenes allgemeine Wissen, welches ein Medizinstudierender nach sechs Jahren haben sollte.

Wir bilden Mediziner - Ärzte und/oder Forscher - aus, die ein Grundverständnis vom menschlichen Körper haben sollen. Sie sollen behandeln, versorgen und das gemeinschaftliche Wohl voranbringen. Ihre Erfahrungen im ärztlichen Alltag validieren etliche klinische Studien. Falls sie selber forschen, nehmen sie noch viel aktiver an der Anreicherung des kollektiven Wissens teil. Sie sollen in ihrem Studium Kompetenzen erlernen, allen voran das wissenschaftliche Hinterfragen.

Das medizinische Fachwissen, insbesondere das Spezialistenwissen, wird automatisch täglich erlernt und kann frühestens nach fünf Jahren der Versorgung in Form einer Facharztprüfung vorausgesetzt werden. Doch sollte es nicht andersrum sein. Wir wollen nicht, dass unsere Jungärzte über gefährliches Halbwissen verfügen, weil sie die meiste Zeit ihres Studiums damit verbracht haben, die letzten Winkel des medizinischen Fachwissens auswendig zu lernen. Wir wollen kritisch denkende Generalisten. Und wenn der Generalist an seinem ersten Arbeitstag mit einer hochseltenen Erkrankung konfrontiert wird, steht ihm das gesamte Wissen der Welt mit nur einem Mausklick zur Verfügung.

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Avatar #104037
popert
am Dienstag, 31. Dezember 2013, 07:46

Lernen am Modell

Lieber Hormos Dafsari (oder so ähnlich)
Aus der Sicht eines allgemeinmedizinischen Lehrbeauftragten kann ich ihnen in den meisten Punkten zustimmen.
M.E. geht die zeitgemäße Anforderung an einen Arzt/ eine Ärztin weit über MC-Fragen hinaus:
- Fähigkeit, aktuelles Wissen in einfachen Worten zu präsentieren
- Fähigkeit, offen und versteckte Fraestellungen von Patienten zu erkennen und in beantwortbare Fragen umzuformen
- Fähigkeit wichtige (therapierelevante) Fragestellungen zu destillieren und zu priorisieren
- Fähigkeit, mehrere Fragen parallel zu bearbeiten
- Fähigkeit zu einer schnellen Recherche in Leitlinien / Verordnungen/ Literatur
- Fähigkeit, unter Dauerstress schnell zu arbeiten, ohne ungeduldig zu werden
- Fähigkeit, empathisch zu sein, ohne mit zu leiden
- Fähigkeit, die positiven / gesunden Anteile (Antonovsky) zu unterstützen
- Fähigkeit, die Prävalenzen und Handlungs-Prioritäten auf unterschiedlichen Ebenen der Versorgung (Primär-/ Sekundär- / Tertiärversorgung) realistisch einzuschätzen
Kurzum: wir brauchen mehr Ärzte / ÄrztInnen und weniger Mediziner.
Die Frage ist nur: wer trainiert die Trainer?
Oder noch früher: wer motiviert die Trainer?
Ich kann nur eine sehr subjektive Antwort geben: ich versuche immer von jedem das Beste zu lernen - niemand ist perfekt.
Und: wer nicht besser werden will, hört auf, gut zu sein.
LNS
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