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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Schlampige und fehlende Honorärzte

Montag, 20. Januar 2014

Seit einigen Monaten, anfangs überbrückungsweise, mittlerweile erfahrungshalber, arbeite ich diverse Tagesschichten als Honorararzt: Ich kann frei entscheiden, wann ich in welchem Krankenhaus oder welcher Praxis arbeite und erhalte für jede Schicht entweder einen Stunden- oder Tageslohn. Natürlich ist das Arbeitsangebot vor allem auf Regionen und Krankenhäuser beschränkt, in denen ein Ärzte­mangel besteht; das sind entweder ländliche Gegenden, Gegenden mit hohem Minder­heiten­anteil oder armen Regionen. Am schlimmsten sind diejenigen Regionen betroffen, in denen mehrere oder gar all diese Faktoren zusammenkommen. Am Beispiel vom Bundesstaat Minnesota sind das z.B. die von Indianern stärker besiedelte Westgemeinden Minnesotas wie Worthington oder dünn besiedelte Nord-
und Südzonen Minnesotas wie z.B. Bemidji oder Blue Earth. 

Diese Schichten sind auf ihre eigene Art und Weise spannend und herausfordernd, aber nicht immer das Gelbe vom Ei, leider manchmal auch mit Irritationen behaftet – vor allem die Unkollegialität vieler meiner Honorararztkollegen ärgert mich doch sehr. Das zum Teil schlampige Niveau vieler Kollegen oder ihre Minimalarbeitsmentalität, bei der das Ziel minimale Arbeit bei maximalem Verdienst ist, ärgert mich sehr.  Aber besonders gravierend ist es, dass manche Honorarärzte einfach nicht zu ihren von ihnen selbst eingeteilten Schichten erscheinen.

So erhielt ich am Verfassungstag dieses Blogtextes, einem freien Sonntag, mittags einen Anruf einer ziemlich panischen Chefärztin – mir war schon klar, als ich die Nummer sah, dass mal wieder einer meiner Honoararztkollegen nicht erschienen war. Das war dann auch tatsächlich der Fall und mit nur noch halbem Ohr wurde mir der Grund des Nichterscheinens genannt. Ich hörte deshalb nicht zu, weil immer wieder an Schulniveau erinnernde Ausreden wie familiäre Erkrankung, eigene schwere Erkrankung oder PKW-Unfall vorgebracht werden, was angesichts der von mir beobachteten Häufung unter ganz bestimmten meiner Kollegen nicht plausibel scheint, abgesehen davon, dass ich mir Fehltage bisher noch nie gegönnt habe. 

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Besonders dreist ist, wie letzte Woche geschehen, wenn die Kollegen einfach nicht erscheinen, nicht an ihr Telefon gehen und erst zur Mittagszeit, wenn die Visite schon fertig sein sollte, endlich davon ausgegangen werden muss, dass der Arzt nicht erscheinen wird und panisch nach einem Ersatz gesucht werden muss.

Mich hat man als zuverlässigen, flexiblen und hilfsbereiten Kollegen mittlerweile erkannt und so scheine ich besonders oft, manchmal zweimal die Woche, einen mir mittlerweile altbekannten Anruf zu erhalten: "Können Sie bitte aushelfen? Ihr Kollege ist nicht erschienen". Ich helfe oft aus, gebe dann all meine Pläne auf, lasse alles fallen und liegen, denn wir haben doch als Arzt eine Verantwortung, müssen den Patienten die Genesung bieten. Schade nur, dass offensichtlichoffensichtlich nicht alle  so denken.

Leserkommentare

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Avatar #114163
ares
am Freitag, 24. Januar 2014, 12:05

Bis...

Sie feststellen, dass Sie nicht überall aushelfen können, wo es brennt. Das System scheint nicht zu funktonieren. Sie geben dann alle ihre Pläne auf, lassen alles fallen...und daraus wird sehr schnell mangelnde Selbstfürsorge, die dann garantiert ins Gras beisst. Wahrscheinlich haben genau dies diverse Kollegen vor ihnen auch gemacht. Aufopfern ist keine Lösung. Das perpetuiert die Systeme.
Avatar #57782
hermann27
am Montag, 20. Januar 2014, 20:58

Ein Ausblick auch in die deutsche Zukunft...

... wenn weiter die Ärzteeinkommen zugunsten der Konzernrendite eingeschrumpft werden. Sie arbeiten dann nicht für die Patienten, nicht für die Kollegen, die noch Stellung halten, sondern für bessere Konzernergenisse und höchstens noch für exorbitante Managergehälter. Rette sich vor diesem System wer immer kann!
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