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Vom Arztdasein in Amerika

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Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Flucht ins Angestelltenverhältnis – eine Folge der US-Gesundheitsreform

Donnerstag, 10. April 2014

Die berufliche Zukunft wird von vielen Ärzten in den USA pessimistisch gesehen – stagnierende, wenn nicht gar sinkende Vergütung, zunehmende Bürokratie, Konkurrenz durch ärztlich tätige Kranken­schwestern und ein komplexeres Gesundheitssystem sind nur einige von vielen Änderungen die eher negative Auswirkungen auf das ärztliche Arbeiten haben. Viele ältere Ärzte erwägen daher, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, während jüngere Ärzte innerhalb dieses Systemes nach intra- und extraberuflichen Alternativen suchen. 

Als eigentlicher Katalysator für diese Entwicklung werden die Gesundheitsreformen von Präsident Obama – das „bezahlbare Gesundheitsversorgungsgesetz“ (Affordable Care Act) – von vor fünf Jahren angesehen. Es wird phasenweise seit 2009 umgesetzt und Jahr um Jahr werden die Reform­auswirkungen spürbarer. Eine der vielen Auswirkungen ist hierbei der Wandel der Eigentumsstruktur von US-Arztpraxen. Wie ein jüngst veröffentlichter Bericht aufzeigt, haben in den letzten Jahren verstärkt US-Ärzte ihre Praxen verkauft und sind somit von der Selbständigkeit in ein
Angestelltenverhältnis gewechselt: http://www.jacksonhealthcare.com/media/207080/practiceacquisitionreport_ebook1213.pdf

Als Hintergrund muss man wissen, dass in den USA klassischerweise der Arzt selbständig tätig ist, d.h. er behandelt seine Patienten autonom und eben nicht in einem Angestelltenverhältnis; er stellt seine eigenen Mitarbeiter ein, rechnet direkt mit dem Patienten oder der Kran­ken­ver­siche­rung ab, schlieβt Verträge mit bestimmten Laboren oder Bildgebungseinrichtungen ab et cetera.

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Das ist zwar auch in vielen Praxen in Deutschland der Fall, geht aber in den USA noch viel weiter, weil der US-Arzt Niederlassungsfreiheit und Werbemöglichkeiten hat und die deutlich diversifiziertere Versicherungslandschaft die Möglichkeit bietet, bestimmte schlecht bezahlende Versicherungen wie z.B. die Kran­ken­ver­siche­rung für sozial-schwache US-Amerikaner, Medicaid, die meistens schlecht vergütet, abzulehnen.

Weiterhin erstreckt sich diese Selbständigkeit nicht nur auf den ambulanten, sondern gerade auch auf den stationären Bereich: Viele ärztliche Spezialisten, aber auch Hausärzte und Internisten, sind nicht vom Krankenhaus angestellt, sondern machen unabhängig und quasi als Kleinunternehmer Visite ihrer stationären Patienten. Zwar gibt es auch im zunehmenden Maβe vom Krankenhaus angestellte Ärzte, aber stellen diese noch die Minderheit aller in den USA stationär tätigen Ärzte dar. Das alles ist deutlich anders als im deutschen System.

Die Nachteile dieser Selbständigkeit wie die zu organsierende Eintreibung der Patientenrechnungen, die Verwaltungskosten und -logistik der eigenen Arztgruppe und –praxis und Beschaffung all der benötigten Ressourcen wurden in der Vergangenheit als geringer als die Vorteile der ärztlichen Selbständigkeit wie z.B. eigene zeitliche Arbeitseinteilung, oftmals höheres Einkommen, Flexibilität und steuerliche Vorteile angesehen. 

Doch das ändert sich seit einigen Jahren. Denn auf Grund der deutlichen Umwälzungen, die seit den Obamaschen Gesundheitsreformen über das US-Gesundheitswesen kommen, finden sich viele administrative Neuregelungen und veränderte Vergütungsregeln. Das führt, verknappt dargestellt, bei vielen Ärzten zu einer Zunahme der Bürokratie, der arbeitstechnischen Komplexität und damit der Ausgaben und zu einer Abnahme der Einkünfte. Weiterhin sind durch die Reformen Prozesse angestoβen worden, die das Entstehen groβer Gesundheitsanbieter fördern, weil man sich Effizienzgewinnen und damit Kostenersparnisse hierdurch erhofft, wenn ein groβes Gesundheitsnetzwerk ambulante, stationäre und rehabilitative Dienste in einem anbietet statt bruchstückhaft kleine Unternehmen jeweils nur Teilaspekte hiervon bedienen.

Die oben zitierte Studie stellt nun fest, dass verstärkt Ärzte ihre Praxen, Arztgruppen und Unternehmen verkaufen. Als häufigste Gründe werden, wie schon oben angeführt, ein Wegbrechen von Versicherungsleistungen (Mehrfachnennungen sind möglich: 79% der Ärzte gaben das als Grund an) angeführt und hiernach die gestiegenen Administrationskosten eine Praxis zu führen (64%) und die Komplexität der Gesundheitsreformen (57%). Die Ärzte wollen nicht mehr selbständig sein unter den veränderten Bedingungen.

Diese Arztpraxen werden dabei primär von Krankenhäusern aufgekauft und die Ärzte nun direkt vom Krankenhaus angestellt. Die überwältigende Mehrzahl der Ärzte (76%) ist dabei auch noch Jahre nach dem Verkauf zufrieden mit dieser Verkaufsentscheidung und würde die gleiche Entscheidung erneut fällen. Viele von ihnen geben an, nun mehr freie Zeit für ihre Patienten, aber gerade auch ihre Familien und Freizeit zu haben.

Es erodiert somit das bis heute noch als Regelfall anzutreffende Selbständigkeitsmodell der Ärzteschaft. In gewisser Hinsicht wird das Gesundheitssystem damit dem europäischen ähnlicher, in welchem der Arzt ein angestellt statt selbstständig Tätiger ist.

Leserkommentare

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Avatar #110852
ediestel
am Samstag, 4. Oktober 2014, 06:06

Leider

geht bei dieser Entwicklung auch ein Stück Identität Amerika verloren.
Avatar #625311
L.A.
am Montag, 14. April 2014, 11:25

"...machen Visite ihrer stationären Patienten..."

Warum so umständlich ausgedrückt? Bei uns ist das ein "Belegarzt". Viele öffentliche Krankenhäuser haben neben Hauptabteilungen auch Belegabteilungen für privat praktizierende Ärzte. Und es gibt auch (relativ wenige) Privatklinken mit reinem Belegarzt-System. Für uns in DE nichts neues.
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