DÄ plusBlogsGesundheitAntibiotika als Wachstumsbeschleuniger beim Menschen
Gesundheit

Gesundheit

Gesundheit! Das Internet ist voll von medizinischen Ratschlägen. Viele sind gut gemeint. Manche sind skurril. Nicht alle halten, was sie versprechen. Hinter manchen vermeintlich harmlosen Tipps verbergen sich materielle Interessen. Unser Autor rme recherchiert, was evidenzbasiert ist und was nicht.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Gesundheit

Antibiotika als Wachstumsbeschleuniger beim Menschen

Freitag, 18. April 2014

Die wachstumsfördernden Eigenschaften von Antibiotika, die in der Viehwirtschaft bereits in den 1940er Jahren entdeckt wurden und heute zum Schrecken vieler Infektiologen weit verbreitet sind, lassen sich auch beim Menschen nachweisen. Patienten, die über längere Zeit mit Antibiotika behandelt werden, nehmen häufig deutlich an Gewicht zu. Dies zeigt eine aktuelle Studie von Didier Raoult von der Aix Marseille Université.

Der Tropenmediziner berichtet über 48 Patienten, die aufgrund eines Q-Fiebers langfristig mit einer Kombination aus Doxycyclin und Hydroxychloroquin behandelt wurden. Dies geschieht manchmal, um dem Risiko einer Endokarditis vorzubeugen, die bei der Zoonose schnell tödlich enden kann. Während der 18 Monate langen Therapie kam es bei jedem vierten Patienten zu einer Gewichtszunahme um 2 bis 13 Kilogramm. Der Grund für diese „Mastbeschleunigung“ ist unklar. Allgemein wird eine Interaktion mit der Darmflora vermutet. Raoult kann an Stuhlproben der Patienten zeigen, dass es zu einem dauerhaften Rückgang bestimmter Bakterien (Bacteroidetes, Firmicutes und Lactobacillus) kommt. 

Anzeige

Eine echte Wachstumsbeschleunigung erzielen Antibiotika bei Kindern in Entwicklungsländern, die unter einer Mangelernährung leiden. Kanadische Public Health-Forscher haben jetzt in einer Meta-Analyse ausgerechnet, dass das Wachstum der Kinder in den ersten 12 Lebensjahren um durchschnittlich 0,04 Zentimeter pro Monat Antibiotikabehandlung zunimmt und sich das Körpergewicht um 23,8 Gramm pro Monat erhöht. So unglaublich dies auch klingen mag, Entwicklungshelfer denken derzeit darüber nach, ob sie mangelernährte Kinder nicht langfristig mit Antibiotika behandeln sollten. Dies wurde in einer Studie aus der Meta-Analyse in Malawi mit Erfolg praktiziert. Kinder, die zusätzlich zur Nahrung Amoxicillin oder Cefdinir erhielten, nehmen nicht nur schneller zu als andere Kinder. Die Antibiotika senkten auch das Sterberisiko signifikant.

Zu den zynischen Erkenntnissen der Entwicklungshelfer gehört auch, dass die verwendeten Antibiotika wesentlich kostengünstiger sind als die therapeutische Nahrung RUTF („Ready-to-Use Therapeutic Food“), die heute regelmäßig eingesetzt wird. RUTF, eine Mischung aus Erdnusspaste, Milchpulver, Öl und Zucker, angereichert mit Vitaminen und Spuren­elementen, kostet die Hilfsorganisationen etwa 50 US-Dollar pro Kind. Antibiotika sind oft für weniger als 10 Dollar pro Behandlung zu haben. In der Studie in Malawi erhielten die Kinder beides, RUTF und Antibiotika. Außerhalb der Studien dürfte die Versuchung, auf die kostspieligere der beiden Komponenten zu verzichten, groß sein.

Der Editorialist Zulfiqar Bhutta von der Aga Khan Universität in Karachi warnt im BMJ deshalb davor, ohne weitere Studien Antibiotika zur Behandlung der Unterernährung in den Entwicklungsländern einzusetzen. Auch dort könnte es schnell zur Ausbreitung von Resistenzen kommen, die ja auch in den reicheren Ländern insbesondere durch den unkritischen Einsatz von Antibiotika in der Pädiatrie gefördert werden.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
Alle Blogs
Gesundheit
Gesundheit
Vom Arztdasein in Amerika
Vom Arztdasein in Amerika
Frau Doktor
Frau Doktor
Pflegers Schach med.
Pflegers Schach med.
Dr. werden ist nicht schwer...
Dr. werden ist nicht schwer...
Global Health
Global Health
Dr. McCoy
Dr. McCoy
Das lange Warten
Das lange Warten
Sea Watch 2
Sea Watch 2
PJane
PJane
Praxistest
Praxistest
Res medica, res publica
Res medica, res publica
Studierender Blick
Studierender Blick
Britain-Brain-Blog
Britain-Brain-Blog
Unterwegs
Unterwegs
Lesefrüchtchen
Lesefrüchtchen
Gratwanderung
Gratwanderung
Polarpsychiater
Polarpsychiater
praxisnah
praxisnah