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Hirnstimulation macht Patienten zu Johnny Cash-Fan

Dienstag, 27. Mai 2014

In der Neurologie gibt es nicht nur die bizarrsten Krankengeschichten, die Forschung verdankt den Fallberichten häufig auch neue Einblicke in die Funktion des Gehirns. Das jüngste Beispiel ist ein 59-jähriger Patient aus den Niederlanden, dessen langjährige therapierefraktäre Zwangsstörung erfolgreich durch eine tiefe Hirnstimulation behandelt wurde. In einer Operation wurden bilateral eine Sonde in den Nucleus accumbens vorgeschoben und mit einem subkutan implantierten Steuergerät verbunden.

Zunächst hatte die Therapie keine Nebenwirkungen, bis der Mann eines Tages im Radio den Song „Ring of Fire“ von Johnny Cash hörte. „Country and Western“ gehörten bisher nicht zu seinen musikalischen Vorlieben. Neben holländischen Liedern hörte er eher die Beatles und die Rolling Stones, doch eigentlich hatte Musik im Leben des Menschen keine große Rolle gespielt. Doch die sonore Stimme des Sängers und der Rhythmus des Liedes veränderten dies. In den nächsten Wochen und Monaten legte sich der Patient eine CD nach der anderen zu. Am Ende hörte er ausschließlich Johnny Cash, wobei er die volle Stimme des älteren Sängers aus den 70er und 80er-Jahren bevorzugte.

Die neue musikalische Vorliebe wäre, auch wenn ein Wechsel im Alter von 60 Jahren ungewöhnlich ist, nicht bemerkenswert, wenn sie nicht an die tiefe Hirnstimulation gekoppelt wäre. Immer wenn der Akku leer war oder die Neurologen den „Hirnschrittmacher“ probeweise ausgestellt hatten, mochte der Mann Cash nicht mehr hören und legte lieber Beatles und Stones auf. Dies ändert sich schlagartig, wenn die tiefe Hirnstimulation wieder aktiviert wurde.

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Die behandelnden Ärzte sind sich sicher, dass die Stimulation des Nucleus accumbens für die Änderung der bevorzugten Musikrichtung verantwortlich war. Der Nucleus accumbens ist Teil des Belohnungszentrums im Gehirn. Hier gibt es viele Dopamin-Rezeptoren. Ihre Stimulation löst Glücksgefühle aus, die in Tierexperimenten so stark waren, dass die Ratten das Interesse an der Nahrungsaufnahme verloren, wenn sie statt dessen auf Knopfdruck den Nucleus accumbens stimulieren konnten. Der Nucleus accumbens gilt deshalb als das eigentliche Vergnügungszentrum im Gehirn. Hier wirken verschiedene Drogen, aber auch Musik. Andere Forscher hatten bereits festgestellt, dass der passive Musikgenuss die Aktivität im Nucleus accumbens erhöht - wenn die Musik gefällt.

Dies erklärt allerdings nicht die Änderung des Musikgeschmacks. Die Antwort hierauf fällt nicht leicht, da die Forschung erst ansatzweise versteht, wie Musik im Gehirn verarbeitet wird. Es wird vermutet, dass bereits im auditorischen Cortex, wo die Signale aus der Hörbahn eintreffen, eine Analyse der melodischen und rhythmischen Aspekte der Musik erfolgt. Die Informationen werden dem frontalen Cortex zugeleitet, der sie abspeichert und mit einem Erwartungswert verbindet. Der Musikgenuss ergibt sich dann daraus, ob diese Erwartungen durch die gehörte Musik bestätigt werden, wobei gewisse Abweichungen von der Norm Teil des Genusses sein können. In dieses Netzwerk eingebunden ist der Nucleus accumbens.

Die Krankengeschichte deutet an, dass der Nucleus accumbens nicht nur ein Verstärker der Emotionen ist, sondern die Verarbeitung der melodischen und rhythmischen Aspekte beeinflusst. Dies könnte erklären, warum der Patient auf eine tiefere Stimme und den veränderten Rhythmus reagiert. Was genau im Nucleus accumbens vorgeht, wissen die Hirnforscher aber noch nicht.

Sie glauben aber nicht, dass der veränderte Musikgeschmack eine neue Variante seiner Zwangsstörung ist. Anders als die früheren Zwangshandlungen sei die Musik für den Patienten kein Mittel, um Spannungen und Angstreaktionen abzubauen, und er ertrage musikfreie Pausen ohne Entzugserscheinungen. Auch hier unterscheidet sich die Musik von anderen Drogen.

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