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Darmflora, Antibiotika und Adipositas

Dienstag, 30. September 2014

Machen Antibiotika dick? In der Viehwirtschaft wurden (in den EU seit 2006 verboten) und werden (wie Kritiker meinen) Antibiotika als Mastbeschleuniger eingesetzt. Auch Menschen erhalten von frühem Alter an Antibiotika. Bei Kinderärzten gehören sie zu den am häufigsten verordneten Medikamenten. In einem Netzwerk von US-Pädiatern aus dem Raum Philadelphia wurden 69 Prozent aller Kinder in den ersten zwei Lebensjahren mit Antibiotika behandelt und zwar im Durchschnitt aus 2,3 Anlässen.

Die jetzt von Charles Bailey vom Children’s Hospital of Philadelphia in JAMA Pediatrics vorgestellte Studie zeigt, dass die im Alter bis zu 5 Jahren mit Antibiotika behandelten Kinder häufiger adipös waren. Die Odds Ratios waren nicht beängstigend. Das Risiko war „nur“ um 11 Prozent erhöht und erreichte das Signifikanzniveau erst ab einer Verordnung von vier oder mehr Antibiotika.

Die Assoziation mit Breitbandantibiotika und einem frühen Einsatz von Antibiotika macht den Zusammenhang jedoch plausibel: Der frühe Einsatz von Antibiotika könnte langfristig die Darmflora verändern. Es ist zudem nicht die erste Untersuchung, die in diese Richtung weist. Eine Analyse der britischen Avon Longitudinal Study of Parents and Children (ALSPAC) war vor zwei Jahren zum gleichen Ergebnis gekommen. Auch dort waren Kinder, die im Alter von bis zu sechs Monaten mit Antibiotika behandelt wurden, später häufig fettleibig.

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Eine Studie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke liefert die mikrobiologischen Grundlagen. In einer tierexperimentellen Studie konnten sie durch die gezielte Besiedlung des Darms mit Clostridium ramosum bei Mäusen eine Adipositas induzieren. Bei einer Besiedlung mit anderen Darmbakterien blieben die Tiere schlank.

Interessanterweise verbesserte C. ramosum nicht nur die „Futterverwertung“ der Mäuse indem es Nahrungsmittel vorverdaute und dadurch die Resorption erleichterte. Die Dünndarmzellen der mit C. ramosum beimpften Tiere exprimierten vermehrt Transport­proteine, die für die Aufnahme von Trauben- und Fruchtzucker beziehungsweise die Aufnahme von Fettsäuren eine Rolle spielen. Ob diese Mechanismen auch beim Menschen eine Rolle spielen und möglicherweise durch häufige Antibiotikabehandlungen im frühen Lebensalter induziert werden, ist unklar.

Es wäre falsch, das zunehmende Problem der pädiatrischen Adipositas – in den USA ist jedes dritte Kind übergewichtig oder fettleibig – allein auf Antibiotika zurückzuführen. Die von Bailey vorgelegten Daten zeigen auch, dass es soziale Risikofaktoren gibt. Kinder aus dem ärmeren Innenstadtbereich von Philadelphia, die über Medicaid kranken­versichert sind und der hispanischen Bevölkerungsgruppe angehören, hatten ebenfalls ein erhöhtes Adipositasrisiko und die Odds Ratios ware teilweise deutlich höher als für den Antibiotikaeinsatz.

Diesen Eindruck dürften auch Pädiater in Deutschland bestätigen. Kinder aus ärmeren bildungsferneren Schichten sind häufiger dicklich. Das Bewusstsein für die Risiken der hyperkalorischen Kost ist hier auch bei den Eltern häufig nicht vorhanden. Auf der anderen Seite bedeutet dies, dass eine notwendige Antibiotikabehandlung nicht notwendigerweise eine Adipositas nach sich zieht. Diese Ansicht wäre vermutlich eine grobe Überinterpretation der Daten, selbst wenn die Studien sicherlich ein Argument für den sparsamen Einsatz von Antibiotika sind.

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