Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Dauernd erreichbar

Mittwoch, 5. November 2014

Bilde ich mir das ein oder werde ich von Monat zu Monat „erreichbarer“? Ich erinnere mich noch, wie ich als PJ‘ler ein Stationspiepser oder manchmal gar ein Stationstelefon mit mir herumtrug, meistens aber unbehelligt blieb und nur wenige Anrufe zu erdulden hatte. Vergaß ich das Telefon, so schien das niemanden zu stören. Klar, das mag auch mit der nicht ganz so wichtigen Stellung des PJ-Studenten zu tun haben, aber selbst als Assistenzarzt schleppte ich zwar stets ein Stationstelefon mit mir herum, wurde aber selten darauf angerufen und durfte es selbstverständlich beim Mittagstisch und auch bei besonders schwierigen Patientengesprächen oft für eine halbe Stunde zur Seite legen, ohne dass mir Vorwürfe gemacht wurden. Außerdem war immer klar, dass spätestens beim Feierabend Schluss mit der Verfügbarkeit war. Das alles war meine deutsche Medizinerzeit.

Seither sind Jahre vergangen – und seit ich in den USA bin, scheint der Vernetzungs­drang Jahr um Jahr stärker zu werden – mittlerweile werde ich abends und selbst nachts noch über mein Mobiltelefon angepiepst. Plötzlich wird in solchen Fällen der Bildschirm inmitten des dunklen Schlafzimmers nachts hell, und ich lese, dass eine Kranken­schwester eine Frage zu einem bestimmten Medikament hat und manchmal werde ich sogar direkt angerufen von ihr oder einem Kollegen. Da wird wenig Rücksicht auf Feierabend oder Schlafenszeit genommen. Die einzige Möglichkeit ist, das Telefon einfach auszulassen.

Weiterhin wird erwartet, dass ich meine krankenhausinterne elektronische, aber auch reguläre Post mindestens einmal täglich überprüfe, und wenn ich einmal nicht auf eines der Kontaktmedien reagiere, werden mir Vorwürfe gemacht. Selbst bei Aufenthalten im Ausland, wie jüngst in Deutschland, wird von mir erwartet, dass ich via Mobiltelefon und ePost erreichbar bin, dass ich mich in die elektronische Patientenakte einlogge, wenn Unklarheiten bestehen, oder Laborergebnisse nachgesehen werden müssen. Die Elektronik wird da zum Fluch.

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Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Montag, 10. November 2014, 17:51

Unternehmenskultur

Mein Vorredner hat schon recht, die billigste Arbeitskraft ist nicht die Sklavenarbeit, sondern die unbezahlte Überstunde. Allerdings sollte jeder Geschäftsführer, der etwas weiterdenkt, wissen daß es hier auch aus betriebswirtschaftlicher Hinsicht ein Optimum gibt, oberhalb dessen die zusätzlichen Arbeitsstunden durch einen Verlust an Arbeitsproduktivität in der regulären Arbeitszeit erkauft werden.

Die unangenehmen Effekte dieser Erreichbarkeit und unbezahlten Überstunden treten allerdings erst mit einer Verzögerung auf, und da muss jeder Mitarbeiter selbst wissen, wie weit er dieses Spiel mitspielen will.

Kurzfristig kann man auf seinem Smartphone des Nachtmodus konfigurieren und die Erreichbarkeit einschränken. Wenn der Arbeitgeber deshalb Ärger macht, sollte man überlegen, ob man an diesem Ort noch richtig aufgehoben ist.
Mittelfristig kann man bei neuen Stellen bereits beim Einstellungsgespräch das Problem thematisieren und lieber auf ein paar Dollar Stundenlohn verzichten (Stundenlohn=Gesamtgeld:Gesamtarbeitszeit).
Langfristig ist dies ein Problem der Unternehmenskultur, und allein kann man da wenig ausrichten...
Avatar #643798
hasler
am Donnerstag, 6. November 2014, 11:34

Es muss nicht der selbe Arzt immer erreichbar sein!

Ständige Erreichbarkeit geht immer zu Lasten der Angestellten und kostet den Arbeitgeber nichts.
Das führt auch bei den Fragenden häufig zu Missbrauch, weil diese nicht geübt sind, zwischen „dringend“ und „wichtig“ zu unterscheiden. Eine nächtliche Frage zu einem bestimmten Medikament halte ich für äußerst grenzwertig.

Weniger Erreichbarkeit bei gleicher Performance setzt ein gut organisiertes Vertretungssystem voraus, was beim Arbeitgeber Kosten verursacht.
Die ständige Erreichbarkeit auf Kosten des Arztes wird meistens mit der ethischen Keule eingefordert.
Avatar #114602
Brech
am Mittwoch, 5. November 2014, 21:02

Dauernd erreichbar

Ist in Deutschland auch nicht wesentlich anders
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