Vom Arztdasein in Amerika

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Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Die Macht der Ärzte

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Ich sollte einmal wieder in einem mir bisher unbekannten Kleinstadtrankenhaus im Westen des ländlich geprägten Bundesstaates Minnesota aushelfen. Bevor es so weit war, musste natürlich ein anstrengender Bürokratie- aber auch Verhandlungsprozess absoviert werden, doch nun endlich arbeitete ich meine ersten Dienste. Natürlich bin ich weiterhin angestellt in meinem Großkrankenhaus in Minneapolis, aber solche Nebentätigkeiten mache ich stets gerne.

Dabei sollte ich nicht nur die internistische Visite im Krankenhaus jeden Tag machen, sondern war am Wochenende auch rund um die Uhr für Fragen des Krankenhaus­personals, aber auch für einige örtlichen Pflegeheime und Aufnahmen aus der Notaufnahme verantwortlich. Ich war sozusagen Tages- und Visitearzt unter der Woche und am Wochende zusätzlich diensthabender Nachtarzt und per Telefon für einige Pflegeheime verantwortlich. Wenn man die Arbeitsstunden zusammenrechnet, so habe ich in fünf Tagen 92 Stunden gearbeitet – nicht ganz ohne.

Am zweiten Arbeitstag kam der Krankenhausdirektor höchstpersönlich in mein Stations­büro, um sich mir vorzustellen und mich kennenzulern. Man merkte, dass ich nicht der erste neue Arzt war, denn er verwechselte meinen Namen, kannte meinen beruflichen Hintergrund nicht und hatte vergessen, dass ich aus Deutschland komme.

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Er war aber, wie jeder Krankenhausdirektor den ich bisher getroffen habe, ein sehr umgänglicher Mensch, man sah ihm solche Dinge schnell nach und so sprachen wir zunächst über Belangloses bis wir schlussendlich zum mich eigentlich interessierenden Thema, der Restrukturierung des Krankenhauses und des örtlichen Gesundheits­wesens, kamen.

Wie sich herausstellte hatte das Krankenhaus in den letzten Jahren deutliche Verluste gemacht. So hatte man angefangen beim Pflegeperson zu sparen und einige nicht-profitable Stationen wie z.B. die Reha- und die Psychiatriestation geschlossen und andere, wie die Intensivstation, verkleinert.

Viele wurden entlassen, und die Aufgaben wurden auf das verbliebene Personal neu verteilt, wobei die regionalen Hausärzte, die mit dem Krankenhaus verbunden sind, überproportional viele neue Aufgaben übernehmen mussten wie z.B. die Visite ihrer Patienten im Krankenhaus, nachts die Krankenhausdienste untereinander aufteilen, die Pflegeheime abdecken und darüberhinaus bei einer Zunahme der ambulanten Patientenfälle ihre eigentliche Praxistätigkeit auf hohem Niveau fortsetzen. Es war offenkundig, dass diese Veränderungen nicht positiv aufgenommen wurden.

Einer nach dem anderen der Ärzte kündigte bis nur noch zwei Hausärzte übrig blieben – für eine Kleinstadt mit etwas weniger als 15.000 Einwohnern wirklich nicht ausreichend. „Wir hatten eine Krise der ambulanten Versorgung”, wie mir der sympathische Direktor und Mittfünfziger erzählte, „und man stellte mich ein um sie zu lösen, und so zog ich von der Großstadt Milwaukee hierher”. Er strahlte förmlich bei diesem Gedanken.

Das Hospitalistenprogramm wurde aus der Not heraus geboren, man gab ihm ein eher großzügiges Notfallbudget und ich wurde unbewußt Teil der neuen Strategie, um die Hausärzte zu entlasten; tatsächlich blieben nicht nur die beiden verbliebenen Hausärzte, sondern mehrere neue konnten im Laufe des Jahres eingestellt werden. Die Krise schien sich zu entspannen, wenngleich es noch immer keine stationären Ärzte gab und man nach welchen suchte.

Da ich zum ersten Mal nun in diesem Krankenhaus arbeitete, war der Direktor vorbeigekommen, um vorzufühlen, ob ich Teil der permanenten Lösung werden wolle, er machte mir letztlich ein Arbeitsangebot. Als ich dieses höflich, aber bestimmt ablehnte, verabschiedete er sich nach zwei, drei Minuten mit einigen netten Sätzen wieder. Seither habe ich ihn nicht wieder gesehen.

Aber ein wichtiges Fazit blieb mir im Sinn: Die Macht der Ärzte, einfach zu kündigen, einfach zu gehen, darf man nicht unterschätzen. Die Ärzteschaft hat eine Verantwortung für kranke Menschen, aber nicht für Fehlentscheidungen seitens der Politik und Verwaltung – das sollte nie vergessen werden.

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