Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Ärztlicher Missmut

Donnerstag, 22. Januar 2015

Alle paar Wochen treffe ich mich auf ein paar Biere mit einem internistischen Kollegen und Freund. Dieser hat, wie ich, in Deutschland Humanmedizin studiert und dort eine Zeit lang gearbeitet, ehe es ihn in zurück in seine Geburtsheimat USA verschlagen hat. Normalerweise reden wir bei unseren Treffen vor allem über philosophische Themen und vor allem über Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger, aber beim letzten Mal merkte ich, dass der Schuh ganz woanders drückte.

So berichtete mir mein Freund auch nach wenigen Minuten, dass er auf Teilzeit umgestellt habe. Der Arztberuf fülle ihn nicht wirklich aus, die Arbeit als Kranken­hausinternist empfinde er als wenig befriedigend, und er fühle sich eher als Verwalter denn als Behandelnder seiner Patienten. So müsse er zunehmend vom US-Gesund­heitssystem vorgegebene Gesundheitsindikatoren erfüllen und würde angerufen und solange belästigt bis diese erfüllt seien.

Weiterhin habe er mittlerweile uferlos scheinende administrative Konferenzen pro Woche zu absolvieren, würde von allerlei ihm unbekannten Leuten kontaktiert, die dauernd von ihm die Erfüllung irgendwelcher bürokratischer Hürden einforderten und hätte so an manchen Tagen das Gefühl, nicht ausreichend Zeit für die Patienten zu haben. Auβerdem scheine die vom Staat nun ermittelte Patientenzufriedenheit für manche im Krankenhaus wichtiger als das für ihn eigentlich Wichtige, nämlich die Genesung des Kranken.

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Daher hatte er den Entschluss gefasst, auf Teilzeit umzustellen, beginnend zum Jahreswechsel. Auch hätte er schon einige Male überlegt, ob er nicht entweder eine Auszeit nehmen oder eine Zeit lang in Deutschland wieder arbeiten solle. Da er Mitte 40 sei, komme eine Frühberentung nicht infrage, sonst wäre das wohl seine liebste Variante gewesen. Das Gespräch blieb bei diesem Thema und erst nach einem dritten Bier schien die Laune gut genug, dass mein Kollege den Heimweg endlich antrat.

Seit einiger Zeit stelle ich tatsächlich bei Gesprächen mit ihm und auch anderen Kollegen eine deutlich zugenommene Unzufriedenheit fest. Der zunehmende Druck, die angestiegene Bürokratie, die dauernde Bevormundung, all das weckt einen gärenden Missmut. So recht weiβ keiner genau, wie er hiermit umgehen soll, doch klar ist, dass er Monat um Monat stärker zu werden scheint.

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Avatar #652798
osterarzt
am Freitag, 23. Januar 2015, 09:41

Willkommen im Club

Das konnten wir in Deutschland schon früher und besser. Sogesehen bleibt die Frührente die einzig realistische Alternative.
Avatar #88599
elisse
am Freitag, 23. Januar 2015, 09:40

Physician Burnout

Und was ist daran neu?

Mir hat dabei sehr geholfen, dass ich auf mehr Zeit pro Patient habe
umstellen koennen. Arbeite also mehr oder weniger genauso viel wie
vorher, aber es macht mehr Spass. Die Patienten moegen das auch.

Ausserdem nehme ich mir Freitags morgens fuer die Verwaltung frei.

Und es gibt hier eine neue Regelung der Aufsichtsbehoerde, dass ich
mir die Vorstandsvorsitzenden (!) der Krankenkassen vorladen kann,
wenn ich mit Entscheidungen der Mitarbeiter nicht einverstanden bin.
Das hilft ungemein :-)-O

mfg, el
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