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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Wenn der Hausarzt anderer Meinung ist

Mittwoch, 27. Mai 2015

Seit drei Wochen scheint es eine Art Tischtennispartie mit einer Patientin zu geben: Als Krankenhausarzt nehme ich eine ältere Patientin (jenseits der 90), die an diffusen Symptomen wie Übelkeit, Müdigkeit und Schwäche leidet, auf und habe mittlerweile eine umfangreiche Diagnostik an ihr absolviert. EKG, Herzultraschall, CT des Kopfes und des Bauches, Röntgenbild des Thorax, diverse Blut- und Harnuntersuchungen sind nur einige der vielen Tests die ich beziehungsweise der Notaufnahmearzt ergebnislos durchgeführt haben.

Als wahrscheinlichste Ursache der Symptome komme ich dabei immer wieder auf die Medikationsliste der Patientin zurück, die zwar nützliche Medikamente wie den Cholesterinsenker Pravastatin, das Bluthochdruckmittel Fosinopril, das blutverdünnende Mittel Abixaban oder das Refluxmittel Omeprazol, um nur einige der vielen Mittel zu nennen, umfasst, aber meiner Meinung nach in dieser betagten und an Demenz erkrankten Patientin nicht verschrieben werden sollte.

So setze ich bei jeder Aufnahme fast alle Medikamente ab, beobachte die Genesung und Besserung der Patientin und entlasse sie nach zwei oder drei Tagen in ihr Altersheim, in der Hoffnung, nun ihr ein verbessertes Leben ermöglicht zu haben. Kaum wird sie aber vom Hausarzt in einem Nachsorgetermin gesehen, werden all ihre Medikamente wieder angesetzt, und eine Woche später kommt die Dame wieder in die Notaufnahme und zu mir auf Station.

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Bisher konnte ich den Hausarzt telefonisch noch nicht erreichen, denn dieses Hin und Her, diese Oszillation der Medikamentenliste hoffe ich zu durchbrechen. Der eine Arzt, also ich, glaubt an das Gute, aber auch das Schlechte, das durch Medikamente verursacht werden kann und setzt daher die meisten Medikamente in diesem konkreten Fall ab, der andere glaubt zwar auch an das Gute und Schlechte der Medikamente, sieht aber die Vorteile und setzt sie wieder an. Wer hat denn nun Recht? An und für sich ist diese Frage irrelevant, denn am Ende wird der Hausarzt obsiegen, weil ich nur Aushilfsarzt und nur zeitweilig vor Ort bin.

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Avatar #625311
L.A.
am Donnerstag, 28. Mai 2015, 15:12

Defensiv-Medizin wegen Haftungsrisiko ?

Ich meine, das hat zu tun mit dem Haftungsrisiko (die Juristen warten schon...), in den USA mehr noch als bei uns, oder ?
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