Res medica, res publica

Res medica, res publica

Gesundheit ist eine öffentliche Sache. Das war schon 1907 so, als William Ewart seine Antrittsvorlesung am St. George's Hospital in London unter den Titel "Res medica, res publica" stellte. Wo muss der Staat handeln und wie? Was bedeuten gesundheitspolitische Vorschläge, wenn man sie zu Ende denkt? Gedanken dazu von Heinz Stüwe, Fachjournalist für Wirtschaft, Sozial- und Gesundheitspolitik.

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Res medica, res publica

Patient mit Navi

Dienstag, 26. Mai 2015

„Folgten die Menschen früher einfach den Pfaden, die das Gesundheitssystem vorgab, so folgen sie nun mehr und mehr den Pfaden, die sie sich selbst aussuchen.“ Das schreibt der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze in einer neuen Studie. Die Art und Weise, wie die Patienten mit den heutigen Möglichkeiten umgehen, definiert er als „Gesundheitskultur“. Sie wäre dann wohl so etwas wie das Navigationssystem, dem der Einzelne folgt, um sich fit zu halten, um kleinere und größere gesundheitliche Probleme zu bewältigen.

Dass sich die Gesundheitskultur in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten stark verändert hat, liegt für Schulze auf der Hand. Die Skepsis vieler Menschen gegenüber der Schulmedizin, gegenüber der Pharmaindustrie führt er als Belege an, auf der anderen Seite den Trend zu alternativen Heilmethoden, die große Nachfrage nach Naturheilmitteln.

Damit sind wir bei der Selbstmedikation. Zu diesem Thema vor allem hat Schulze 20 Gesundheitspolitiker aller Parteien aus Bund und Ländern befragt. Denn Selbstme­dikation ist für ihn Teil der neuen Gesundheitskultur, eines geänderten Umgangs mit Gesundheit und Krankheit. Dass Omas Hausmittel auch zur Selbstmedikation gehören, erwähnt er dabei nicht. Schulzes Studie „Schöne neue Gesundheitswelt“ wurde von der Dr. Willmar Schwabe GmbH & Co. KG in Karlsruhe gefördert und die ist als Hersteller pflanzlicher Arzneimittel verständlicherweise besonders an der Selbstmedikation interessiert.

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Schulze sieht bei den befragten Gesundheitspolitikern ein „verhaltenes Ja zur Selbst­medikation“. Sie lobten das selbstverantwortliche Handeln, hätten eine durchweg positive Einstellung zu Naturheilmitteln, zeigten Verständnis für Menschen, die ohne Umweg über die Arztpraxis Linderung ihrer Beschwerden suchten, einige hätten auch die ökono­mische Dynamik der Selbstmedikation im Blick.

Jedes dieser Pro-Argumente, schreibt Schulze, zweifelten die Politiker jedoch auch an: „Für rationale Selbstverant­wortung brauche es Kompetenz, an der es weithin fehle – diese Meinung vertraten vor allem die ausgebildeten Ärzte unter den Befragten; die Mentalität der schnellen Störungs­beseitigung durch Medikamente ohne ärztliche Beratung sei gesundheitlich bedenklich; Selbstmedikation führe zum Primat der Ökonomie über die Gesundheit. Durch die unkontrollierte Einnahme selbst gekaufter Medikamente komme es zu Interaktionen mit verordneten Arzneien.“

Eher linke Politiker hätten geltend gemacht, dass das Solidarprinzip ausgehöhlt werde, wenn der Geldbeutel des Einzelnen und nicht der medizinische Bedarf entscheide. Manche Gesundheitspolitiker haben den Angaben zufolge auch vor einer „Medika­lisierung“ der Gesellschaft gewarnt. Zitat: „Selbstmedikation mache es möglich, den beruflichen und familiären Alltag ohne Unterbrechungen durchzustehen; damit aber werde sie selbst insgeheim zur Ursache für eine Erhöhung der Anforderungen, ja für eine Überforderung in Alltag und Berufsleben.“

Vor diesem Hintergrund hätten die Politiker dann verschiedene Maßnahmen vorgeschlagen – von der Wiedereinführung der Rezeptpflicht für OTC-Produkte über das Sichtbarmachen des kompletten Medikationsstatus auf der elektronischen Gesundheitskarte bis hin zur Aufwertung der Beratung in der Apotheke. „Doch der schulmedizinisch ausgebildete, erfahrene Arzt war für fast alle Befragten der kompetenteste Ansprechpartner“, berichtet der Wissenschaftler. Immerhin. Ein Vorschlag der Gesundheitspolitiker, der immer wieder gekommen sei, könnte tatsächlich wie ein gutes Gesundheits-Navi wirken: eine Gesundheitserziehung in den Schulen.  

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