Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Verhaftet

Montag, 17. August 2015

Eine Patientin mittleren Alters wurde kürzlich wegen Alkoholentzuges von mir aufgenommen. Medizinisch gesehen war der Fall nicht sonderlich schwer, der Schweregrad ihres Entzuges und ihrer äthanolbedingten Hepatitis mittelgradig ausgeprägt. Deshalb erwähne ich den Fall nicht, sondern seines soziologischen Hintergrundes wegen.

Die Dame war seit Wochen in ihrem Haus mit ihrem Freund am Dauertrinken, also konsumierte in diese Zeitspanne Dutzende an Wodka- und Weinflaschen, neben vielem Bier. Dabei vergaß sie, wie es üblich ist für viele Alkoholiker, alles um sich herum und erschien auch nicht zu einem wegen eines Deliktes anberaumten Gerichtstermines.

Die Polizei fackelt in solchen Fällen nicht lange in den USA und erschien in der folgenden Nacht um 2 Uhr an ihrer Haustür, verhaftete sie und steckte sie knapp einen halben Tag in eine Gefängniszelle. Sie begann dort auszunüchtern, und als sie entlassen wurde, um zu entziehen, wurde sie demzufolge von der Polizei in die Notaufnahme des Krankenhauses gebracht und von mir aufgenommen.

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Eine Verhaftung ist in den USA ein häufiges Phänomen. Schaut man sich Statistiken an, dann betrifft das nicht nur Minderheiten, wie oft in den Medien dargestellt, sondern alle Bevölkerungsgruppen.

Seit 1997 werden in einer für die USA repräsentativen Bevölkerungsstudie, der nationalen longitudinalen Jugendstudie (NLSY), 6.748 Jugendliche in verschiedenen Zeitabständen, zuletzt 18- und 23-jährig, befragt. Hierbei wurde auch gefragt, wer von diesen schon verhaftet worden war.

Anhand dieser Daten kommt man zum traurigen Schluss, dass in den USA viele Erwachsene schon mindestens einmal verhaftet worden sind: Unter den 23-jährigen sind, nach Geschlecht und Ethnie aufgegliedert, 48,9% aller schwarzen, 43,8% der Latino- und 37,9% der weißen 23-jährigen schon mindestens einmal verhaftet worden, bei den Frauen bestehen kaum ethnische Unterschiede und hier liegt die Verhaftungs­quote zwar niedriger, aber immerhin bei Werten zwischen 11,8 und 12% (Quelle: Brame R et al: Demographich Patterns of Cumulative Arrest Prevalance by Ages 18 and 23. Crime Deling 2014, Apr, 60(3):471-486).

Im Fall meiner Patientin hatte ihre Verhaftung einen positiven Effekt (wie sie es mir gegenüber auch zugab), bei den meisten anderen jedoch einen negativen. Prellungen und Hautschürfungen sind nur die leichtesten der oft anzutreffenden physischen Folgen, die psychischen sind manchmal ein Leben lang vorhanden. Dieses Problem betrifft einen Großteil der US-Bevölkerung.

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