Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Impfzwang

Donnerstag, 17. September 2015

In Anlehnung an den in Frankreich bis ins 19. Jahrhundert stattfindenden Königs­proklamationsspruch „le roi est mort, vive le roi“ („Der König ist tot, lang lebe der König“, ausgerufen um die Kontinuität der Erbmonarchie aufzuzeigen) proklamiere ich hiermit offiziell: „Die Grippesaison ist vorüber, lange lebe die (nächste) Grippesaison“, bzw. „l´influenza est morte, vive l´influenza“!

Denn dieser Spruch scheint die Stimmung, die mich angesichts all der Informationen, die mir seitens US-Krankenhäuser jedes Jahr im Herbst zugestellt wird, wiederzugeben. Jedes Jahr wird zu diesem Thema das Rad scheinbar neu erfunden und sogenannte „neue“ Grippekampagnen und –initiativen werden ausgerufen; pünktlich zum baldigen Herbstbeginn erhalte ich deshalb auch derzeit unzählige Rundschreiben zu diesem Thema.

Doch der Tonfall verschärft sich von Jahr zu Jahr: Empfahl man mit höflichen Worten noch vor wenigen Jahren die Grippeimpfung, so ging man dazu über, sie seit vorletztem Jahr als dringend benötigte Impfung jedem einzelnen Arzt und Krankenpflegekraft in regelmäßigen Abständen mit den deutlichsten Worten nahezulegen und ist seit diesem Jahr dazu übergegangen von einem „Zwang“ zu reden.

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Es besteht dabei eine Impfpflicht nicht nur für Ärzte, sondern für alle mit Patienten in Kontakt kommende Angestellte, also auch Krankenpflegekräfte, Pflegeassistenten und Physiotherapeuten. Seit diesem Jahr werden Listen geführt auf denen vermerkt wird, wer seine Impfung erhalten und wer sie nicht erhalten hat; diese Informationen werden an die jeweiligen Abteilungsleiter und Vorgesetzte weitergereicht und es wird beabsichtigt, diejenigen Angestellte, die noch keine Impfung erhalten haben, direkt anzusprechen und –schreiben. Man kann die Impfung zwar ablehnen, muss das aber begründen und ggf. dann in einem Gespräch mit einem Vorgesetzten rechtfertigen.

Natürlich ist eine Influenzaimpfung sinnvoll und vielfältige Studien werden zu diesem Thema als Begründung für den Impfzwang in den jeweiligen Rundschreiben angeführt, aber bei genauer Sichtung stellt man fest, dass der Nutzen nicht so deutlich wie bei vielen anderen Impfungen ist. Natürlich werde ich mich impfen lassen, aber was mir Sorge bereitet ist diese allmähliche Verschärfung des Tones gegenüber den Angestellten. Was erwartet uns 2016 oder gar 2017 wenn „l´influenza est morte, vive l´influenza“ wieder ausgerufen wird?

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Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Donnerstag, 17. September 2015, 23:53

Nachtrag

Auch über systemkritische Bereiche läßt sich herrlich streiten. Man könnte argumentieren, in der Verwaltung ist die Impfung egal, aber wie sieht es aus, wenn bei einer schlimmen Grippewelle die Lohnbuchhaltung kollabiert und die wenigen verbliebenen Mitarbeiter ihren Lohn nicht bekommen...?
Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Donnerstag, 17. September 2015, 23:46

Angemessene Reaktionen?

Mir scheint dies doch ein US-spezifisches Problem zu sein. Falls ein Patient im Krankenhaus eine Influenza bekommt und dann das Haus verklagt, ist die Rechtslage für den Krankenhausträger deutlich komfortabler, wenn er einen lückenlosen Impfschutz seiner Mitarbeiter nachweisen kann.

Grundsätzlich stellt sich aber die Frage, wie weit repressive Maßnahmen in diesem Fall gehen dürfen. Ein Mitarbeiter im Gesundheitswesen, der eine Impfung verweigert und danach an einer vermeidbaren Infektion erkrankt, schadet sich selbst, schadet seiner Versicherung, schadet der Gesellschaft (besonders bei eradizierbaren Krankheiten), schadet seinem Arbeitgeber und schadet den Patienten. Das heißt, repressive Maßnahmen müssen im angemessenen Verhältnis zum jeweiligen möglichen Schaden stehen.

Im Artikel wird eine Situation beschrieben, wo der Arbeitgeber Druck ausübt, aber auf Sanktionen verzichtet. Möglich wäre aber auch ein anderes Szenario, z.B. Tätigkeitsverbote, bei der Verweigerung der Influenza-Impfung ein Tätigkeitsverbot auf Hochrisikostationen wie der Hämatologie oder der Frühchenstation, ohne Masern-Immunität dagegen in allen patientennahen Bereichen. Dies alles könnte man mit der Patientensicherheit begründen.
Man könnte aber auch positiv motivieren, da geimpfte Personen ein geringeres Ausfallrisiko haben, könnte man dies mit einem Zuschlag auf das Urlaubs- und Weihnachtsgeld belohnen.

Die Influenza-Impfung hat ihre Grenzen, weder ist das Virus eradizierbar (wegen der Naturherde) noch ist der Schutz 100%-ig zuverlässig (man muß ein halbes Jahr vorher raten, welche Antigenvariante dominieren wird). Wer aber schon mal eine richtige Grippe durchgemacht hat, wird selbst einen leichteren Verlauf bei einer Durchbruchsinfektion einem klinischen Vollbild vorziehen. Meiner Erfahrung nach ist es für die Compliance sehr gut, wenn Impfungen am Arbeitsplatz organisiert werden, dann kann sich niemand auf Zeitmangel rausreden. Auch sollte man zum Impfzeitpunkt gesund sein, die Grippeimpfung ist doch eine gewisse Antigenlast, und das Immunsystem ist danach für ein paar Tage abgelenkt, was Probleme bedeutet, wenn man gerade einen Infekt ausbrütet.

Aus meiner Sicht hat ein Arbeitgeber das Recht, auf Risiken wie Impfverweigerung zu reagieren. Die Reaktion sollte sich aber fachlich begründbar und angemessen sein.
LNS
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