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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Ohnmacht gegenüber dem beliebten Arzt

Montag, 7. März 2016

Ein 91-jähriger Patient wird wegen Verwirrtheit in der Notaufnahme vorstellig und vom Notaufnahmearzt mit der Diagnose TIA mir zur Aufnahme zugeleitet. Meine Evaluierung ergibt ein ganz anderes Bild und die Diagnose Aspirationspneumonie. Der Patient wird in deutlich verbessertem Zustand drei Tage später mit einem Antibiotikum entlassen.

Am selben Tag nehme ich einen anderen Patienten, ein nicht englisch sprechender 48-jähriger wegen eines Myokardinfarktes auf, bei dem der Notaufnahmearzt ein Magengeschwür vermutet beziehungsweise fehldiagnostiziert hat. Weder einr EKG noch Herzenzyme waren abgenommen worden, was dem Patienten fast das Leben gekostet hätte angesichts der Schwere seines Herzleidens.

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Die Liste an Fehldiagnosen ist lang, die Frustration bei Pflegepersonal und Ärzten wie mir sehr hoch, wenn dieser Notaufnahmearzt Dienst hat. Wenn er mich nachts anruft, springe ich blitzschnell aus dem Bett, renne in die Notaufnahme, weil ich der Diagnostik dieses Arztes nicht vertraue und Angst, ja, regelrechte Panik habe, dass ein Patient wegen seiner Fehler eines Tages versterben könnte.

Auch plagen mich juristische Sorgen, denn immerhin ist die Fehldiagnose eines der führenden Gründe, wieso wir Internisten in den USA verklagt werden. Und ich will weder moralisch, noch juristisch einem Katastrophenfall gegenüberstehen müssen. Bisher konnte das Schlimmste immerhin verhindert werden, zum Glück.

Traurigerweise sind Beschwerden bei der Verwaltung vergebens, denn der Arzt tritt charmant auf und ist entsprechend bei Patienten und Verwaltung sehr beliebt – ist das ein Paradoxon, denn sollte nicht Sein dem Schein entsprechen? Weiterhin erwirtschaftet er mit seiner zum Teil haaresträubenden Dokumentation, bei der ich manchmal an der Richtigkeit Zweifel habe, am meisten Geld unter den Notaufnahmeärzten und ist somit eine Art Goldesel. Entsprechend ist er unangreifbar in der Verwaltung und scheint fester denn je im Sattel, trotz Beschwerden von allen möglichen Seiten.

So bleibt mir nur das Zähnezusammenbeißen und ohnmächtig starre ich auf mein Telefon wenn er einmal wieder Dienst hat, Franz Kafkas „Der Prozess“ kommt mir in den Sinn, ein Rad im Getriebe eines großen Mechanismus sein zu müssen und Dinge einfach nur zu akzeptieren.

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