Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Enger werdendes Budget

Freitag, 1. April 2016

Das ländlich gelegene Krankenhaus in Worthington hat für das Jahr 2015 einen operativen Verlust von zwei Millionen US-Dollar gemacht, so teilte es uns der Direktor mit. (Unter der Hand munkelte man von einem konzernweiten Rekordgewinn übrigens, aber das konnte ich nicht verifizieren, will es aber erwähnt haben.) Das sei langfristig nicht tragbar (doch wieso können viele Regierungen Jahr um Jahr noch höhere Defizite machen und trotzdem weiterregieren?), erklärte er den Mitarbeitern. Und auch wenn ich selber nicht direkt vom Krankenhaus angestellt bin, fühlte ich mich mitbetroffen. Es werde Kürzungen geben, wie er noch kundtat.

Wir alle waren gespannt: Würde der Direktor jetzt sein eigenes Gehalt kürzen? Würde er sich längere Arbeitszeiten auferlegen und weniger oft zu seinem Ferienhaus in Wisconsin fahren? Würde er seine Sekretärin auf eine neue Position versetzen und ihre Arbeiten aus Kostengründen selber übernehmen? Mitnichten.

Stattdessen kamen die üblichen Kürzungen, jene die ich als Arzt seit vielen Jahren erlebe und als „08/15-Vorgehensweise“ bezeichne: Das Kantinenessen wurde teurer, Pflege- und Putzpersonal verknappt, Patientengeschenke abgeschafft und auch solche Dinge wie Kaffee, Kekse und Obst, die Patienten früher umsonst sich nehmen konnten, wurden quantitiv weniger und qualitativ minderwertiger.

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Seit dem 1. März muss ich für mein früher kostenloses Kantinenessen bezahlen (weshalb ich mittlerweile einfach mittags mir etwas koche) und meine Überstunden werden viel genauer kontrolliert, manchmal sogar abgelehnt (wogegen ich bisher erfolgreich Einspruch legte).

Die Verwaltung hat sich selber noch nicht abgeschafft, und ich bin mir sicher, dass der Direktor weiterhin sein hohes sechsstelliges Gehalt unverändert, wenn nicht sogar jahresbedingt nach oben hin angepaßt, bezieht. „Die Kürzungen werden das Defizit wohl auf 1,9 Millionen drücken – ist das Erfolg genug um einen Bonus am Ende des Jahres zu erhalten?“, fragt er sich sicherlich während er zufrieden über seine Maßnahmen sinniert. 

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