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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Nur ein Rädchen im Krankenhaus

Dienstag, 7. Juni 2016

Im Mittleren Westen arbeite ich in einer großen Stadt im dortigen Universitäts­krankenhaus. Es platzt aus allen Nähten, mehrmals die Woche ist es bis auf das letzte Bett belegt und manchmal muss dann selbst die Notaufnahme zumachen. Es geht dabei fast wie am Fließband zu, die Notaufnahme ist nicht nur dauernd überfüllt, auch die Ärzte und Pfleger sind überlastet, und jeden Tag nehmen wir unzählige Patienten auf, oft sehr komplexe Fälle unter hohem Zeitdruck.

In diesem Kontext führe ich viele Gespräche mit den dortigen Kollegen und Kranken­schwestern und immer mehr wird mir bewusst, wie unwichtig unsere jeweiligen Eigenschaften aus Sicht der Verwaltung sind, dass es scheinbar irrelevant ist, ob man ein guter oder schlechter, ein netter oder unhöflicher Arzt ist, hauptsache die Funktion wird erfüllt. Im Fall des Internisten also, eine Diagnose zu stellen und die Therapie anzusetzen, sich an die vom Staat vorgegebenen und mit der Rechtsabteilung abgesprochenen Protokolle zu halten, keine allzu groben Fehler bei der Diagnostik und Therapie zu machen, folglich einen noch lebenden und hoffentlich leicht gesünderen Patienten nach wenigen Tagen zu entlassen und alles dabei gut zu dokumentieren, so dass das Krankenhaus seine Vergütung von der Kran­ken­ver­siche­rung erhält.

In diesem Krankenhaus (wie übrigens viele große Häuser in den USA) scheinen wir Ärzte vor allem wie Rädchen in einem großen Uhrwerk zu sein, ein Arzt dessen Sehnsüchte, Wünsche und Vorstellungen so unwichtig sind wie die eines Rädchens eben – die Hauptaufgabe ist, sich so zu drehen, wie man es soll, zu funktionieren und zu funktionieren. Ob man dabei ein Deutscher oder ein Inder, ein Christ oder ein Atheist, ein dicker Mann oder eine attraktive Frau, ob exzellent oder eben nur durchschnittlich ist, das alles scheint nicht nur, sondern ist unwichtig, Hauptsache, man erfüllt seine Aufgabe und funktioniert.

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Es erinnert mich an das, was Max Weber schon vor einem Jahrhundert als Leben im „stahlharten Gehäuse“ bezeichnet hat, bei der eine Rationalisierung und Funktiona­lisierung des Menschen eingetreten ist und das ich als Phänomen des „warmen Körpers“ bezeichne: Für die Krankenhausverwaltung ist nur meine Anwesenheit und Funktionieren wichtig und wenn ich damit nicht zurechtkomme, werde ich ersetzt ohne mit der Wimper zu zucken.

Das ist kein langfristiger Arbeitsort für mich, ich bin glücklich nach meinen 30 Schichten dort fertig zu sein und entsprechend schlug ich die mir wiederholt angebotene Festanstellung immer wieder aus, unberührt von immer höher werdenden Gehaltsofferten. Sicher bin ich mir trotzdem: Man wird ein anderes Rädchen, das dann selbstzufrieden sich tagsüber dreht um abends in seinem Mercedes, BMW, Lexus et cetera nach Hause zu fahren, finden.

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