DÄ plusBlogsGesundheitStammzelltourist erwirbt Neoplasie vom Spender
Gesundheit

Gesundheit

Gesundheit! Das Internet ist voll von medizinischen Ratschlägen. Viele sind gut gemeint. Manche sind skurril. Nicht alle halten, was sie versprechen. Hinter manchen vermeintlich harmlosen Tipps verbergen sich materielle Interessen. Unser Autor rme recherchiert, was evidenzbasiert ist und was nicht.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Gesundheit

Stammzelltourist erwirbt Neoplasie vom Spender

Freitag, 8. Juli 2016

Der gute Ruf, der der Stammzelltherapie vorauseilt, hat Quacksalber und Betrüger auf den Plan gerufen. In vielen Ländern gibt es mittlerweile Institute und Kliniken, die die Therapie bei Erkrankungen anbieten, für die sie derzeit nicht erprobt ist, geschweige denn empfohlen wird. In den meisten Indikationen dürfte sie derzeit ein Placebo sein. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Behandlung harmlos ist, wie ein 66-jähriger US-Amerikaner erfahren musste, der sich in China, Mexiko und Argentinien gleich mehrfach wegen der Folgen eines Schlaganfalls behandeln ließ.

Die Behandlung bestand in der Infusion von Stammzellen in den Liquorraum. Diese intrathekalen Injektionen haben den Mann nicht von den Behinderungen befreit, die der Schlaganfall hinterlassen hat. Sie haben vielmehr neue Probleme verursacht. Als der Mann sich schließlich in die Hände von „Schulmedizinern“ begab, entdeckten diese in der Kernspintomographie eine auffällige Raumforderung, die sich von der Lumbal- bis zur Thorakalwirbelsäule erstreckte.

Bei der Operation entfernte das Team um den Neurochirurgen John Chi vom Brigham and Women’s Hospital in Boston dann einen langgestreckten Tumor, dessen Ausmaße sie überraschte. Noch überraschender war der histologische Befund. Es handelte sich um einen sehr zellreichen Tumor, dessen Zellen neben dem Proliferationsmarker MIB-1 (MKI67) auch die Marker OLIG2 und SOX2 aufwiesen. OLIG2 zeigt, dass es sich um Glia-Zellen, also das „Stützgewebe“ des Nervensystems handelt. SOX2 ist dagegen ein Stammzel-Marker, der normalerweise im Rückenmark eines erwachsenen Menschen nicht gefunden wird.

Anzeige

Chi geht deshalb davon aus, dass sich der Tumor aus den Zellen der Stammzelltherapie entwickelt hat. Das bestätigte auch ein genetischer Fingerabdruck der Zellen. Er belegt, dass die Zellen nicht vom Patienten stammen. Die Stammzellen eines unbekannten Spenders hatten demnach beim Patienten einen Tumor ausgelöst, der laut Chi viele Anzeichen einer bösartigen Krebsgeschwulst hatte.

Die Induktion von Tumoren gehört zu den derzeit viel diskutierten möglichen Risiken der Stammzelltherapie. Die Zellen befinden sich in einem genetischen „Urzustand“, aus dem sich nicht nur alle gesunden Zellen des Körpers entwickeln können, sondern auch Tumore. Bei Tierexperimenten kommt es häufiger zur Bildung von Teratomen. Sie können alle menschlichen Gewebe wie Haare, Zähne oder Haut enthalten und werden deshalb auch als „Wundergeschwulst“ bezeichnet. Normalerweise sind sie gutartig, es gibt aber auch Teratokarzinome mit einem äußerst bösartigen Wachstum. Die Behandlung in einer Stammzellklinik kann deshalb unberechenbare Folgen haben.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
Alle Blogs
Vom Arztdasein in Amerika
Vom Arztdasein in Amerika
Gesundheit
Gesundheit
Frau Doktor
Frau Doktor
Pflegers Schach med.
Pflegers Schach med.
Dr. werden ist nicht schwer...
Dr. werden ist nicht schwer...
Global Health
Global Health
Dr. McCoy
Dr. McCoy
Das lange Warten
Das lange Warten
Sea Watch 2
Sea Watch 2
PJane
PJane
Praxistest
Praxistest
Res medica, res publica
Res medica, res publica
Studierender Blick
Studierender Blick
Britain-Brain-Blog
Britain-Brain-Blog
Unterwegs
Unterwegs
Lesefrüchtchen
Lesefrüchtchen
Gratwanderung
Gratwanderung
Polarpsychiater
Polarpsychiater
praxisnah
praxisnah