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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Karriereziele unter internistischen Assistenzärzten

Freitag, 12. August 2016

Es ist Donnerstagvormittag und im Rahmen meiner geriatrischen Ausbildung halte ich einen Vortrag zusammen mit einer Kollegin vor 18 Assistenzärzten; ich bin zwar auch einer, aber offiziell drei Ausbildungsjahre weiter als meine Kollegen, hinsichtlich der beruflichen Erfahrung zumeist gar neun. Diese Kollegen sind in ihrem ersten Ausbildungsjahr zum Allgemeininternisten, das, was man in den USA als „intern“ bezeichnet und bei vielen gleichbedeutend mit Überarbeitung, Übermüdung und Unerfahrenheit ist. Es ist Juli, also erst die zweite Arbeitswoche für diese Ärzte, die sich noch zumeist als Medizinstudenten fühlen, und man sieht ihnen allen die Nervosität der neuen Rolle an.

Das von uns vorgestellte Thema „Delirium“ ist dabei ein aus meiner Sicht einfaches, für sie aber bedeutet genaues Aufpassen den Unterschied zwischen einer ruhigen oder unruhigen Nacht, wenn sie wiederholt Anrufe wegen verwirrter Patienten erhalten. Das haben sie auch begriffen, und es herrscht eine beeindruckende Ernsthaftigkeit und Konzentration.

Am Anfang, um die Stimmung aufzulockern, stellt sich jeder vor und soll auch angeben, was sein Karriereziel sei. Von den 18 Ärzten möchten ganze 14 Onkologen werden (also mindestens sechs Jahre Ausbildung noch vor ihnen), einer Gastroenterologe (ebenfalls sechs Jahre), einer Infektiologe (fünf Jahre), einer Kardiologe (sechs Jahre) und einer Allgemeininternist (drei Jahre). Offensichtlich wollen sie uns Geriater nicht beeindrucken, denn niemand nennt diesen Berufswunsch – exzessive Schleimer scheint es somit wohl keine in dieser Gruppe zu geben.  

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Während sie ihre Berufswünsche herunterrattern und selber zum Teil erröten, dass schon wieder einer unter ihnen Onkologie angibt, versetze ich mich in ihre Lage und erinnere mich, wie viele von uns im ersten Jahr unserer Ausbildung damals ebenfalls eine Subspezialisierung als Ziel angegeben hatten, aber am Ende nur zwei von elf dieses tatsächlich betrieben hatten.

Abends schlug ich mehrere Studien nach, um diesem Phänomen statistisch nachzu­gehen: In der einen Untersuchung, 2012 veröffentlicht und mehr als 50.000 inter­nistische Assistenzärzte befragend, gaben nur 17,8 Prozent der Berufsanfänger den Allgemeininternisten als Berufswunsch an, aber der Anteil stieg am Ende der dreijährigen Ausbildung auf 31,6 Prozent an (West CP, Dupras DM: General medicine versus subspeciality career plans among internal medicine residents. JAMA 2012, 308 (21): 2241-2247).

In einer anderen, aber kleinen Studie wurden einige dieser Assistenzärzte vor und nach einer Rotation auf einer hämatologisch-onkologischen Station befragt, und das Interesse an Onkologie fiel deutlich ab durch ihren direkten Kontakt mit dem Fachgebiet, vor allem Frauen und „wenig widerstandsfähige Männer“. (McFarland DC et al: Inpatient hematology-oncology rotation is associated with a decreased interest in pursuing an oncology career among internal medicine residents. J Oncol Pract 2015, 11(4): 289-295).

So denke ich nochmals über diese sympathischen und frischen Assistenzärzte nach und ob sie schon wissen, dass mancher unter ihnen es doch „nur“ zum Allgemeininternisten schaffen wird. Wer weiß, am Ende wird einer unter ihnen ja nachher Geriater und hatte an jenem Tag seinen ersten Fachvortrag auf seinem Weg dahin.

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