Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

F43.25

Montag, 1. August 2016

Wie beschreibe ich meine Gefühlslage am Ende meines ersten Monats in der neuen Rolle als geriatrischer Assistenzarzt (im Englischen klingt der Begriff „fellow“ übrigens für meine Ohren deutlich besser als der deutsche Terminus „Assistenzarzt“)? Nach längerer Überlegung habe ich mich für die ICD-10-Diagnose F43.25 entscheiden, also die „Anpassungsstörung mit gemischter Störung von Gefühlen und Sozialverhalten“. Natürlich bitte ich, diese Aussage cum grano salis zu nehmen, aber sie trifft meinen derzeitigen Zustand tatsächlich in vielen Aspekten.

So schwanke ich zwischen Euphorie und Niedergeschlagenheit angesichts des immensen Lern- und Ausbildungsmaterials, welches mir gegeben, regelrecht aufgedrängt wird; mein Privatleben und meine Freizeitaktivitäten leiden deutlich unter dieser zeitlichen Belastung und Informationsmenge, mein Wissensdurst wird dafür aber gestillt.

Es gesellen sich Ärger und Freude hinzu, Ärger über die Einschränkungen meines Lebens angesichts einer aktuell wöchentlichen 70- bis 80-Stunden-Woche, dem aber Freude angesichts all der neuen Möglichkeiten des hochintellektuellen Universitäts­klinikums Vanderbilt gegenüberstehen. Dann schwingen noch persönliche und finanzielle Sorgen mit, weil mir tatsächlich eine Verminderung meines Gehaltes um 70 Prozent schwerer fällt, als gedacht, welchem dann Hoffnungen auf neue berufliche Perspektiven und neues Wissen gegenüberstehen. Wie ein Wechselbad durchlaufe ich viele dieser Gefühle mehrmals täglich.

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Auch mein Sozialverhalten ist gestört, und meine Freunde und Familie können ein Lied davon singen, wie ich seit einem Monat viel weniger ansprechbar und für sie verfügbar bin. Persönliche Telefonate sind auf ein Minimum reduziert, und manchmal komme ich zu Hause an und steuere das Bett ohne großen Umweg an, so müde bin ich. „Ist es das alles wert?“, fragte mich kürzlich ein Freund. Meine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Ja“.

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