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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Ein deutscher Patient auf Station

Freitag, 22. Juli 2016

Ein wohlhabender, älterer und deutscher Patient war zu Besuch in Nashville und genoss seinen zweiwöchigen Aufenthalt, als er plötzlich eines Morgens beim Spazieren zusammenbrach. Die Rettungssanitäter wurden gerufen, und der Endsiebzig­jährige wurde wegen akuten respiratorischen Versagens auf die Intensivstation aufgenommen; eine infektionsbedingte Verschlechterung seines chronischen Lungenleidens COPD und seines chronischen Herzproblems waren ursächlich, hatten zum Kollaps und, wie sich herausstellte, auch zum Nieren- und Leberversagen geführt.

Die eingeleitete Therapie führte letztendlich zur deutlichen Besserung, und nach zehn Tagen wurde der Patient auf unsere geriatrische Station verlegt, gerade auch deshalb, weil ich einerseits deutschsprechender Arzt bin, anderseits diverse Erfahrungen bei der Rückführung von Patienten ins außeramerikanische Ausland aus vergangenen ähnlichen Situationen habe.

So kontaktierte ich die für die Rückführung zuständige Versicherung mehrmals täglich, bis der Rückflug mit einem deutschen Arzt, Sauerstoff, Rollstuhl und entsprechender Medikation organisiert war und der Patient mit zweiwöchiger Verspätung seine Heim­reise antreten konnte. Übrigens trieb ich die deutsche Versicherungsgesellschaft zur Eile an, denn erfahrungsgemäß sind solche stationären Aufenthalte sehr teuer, und sie wird mit Sicherheit einen sechsstelligen Rechnungsbetrag vom Universitätsklinikum Vanderbilt präsentiert bekommen.

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Als ich die Aufnahmemedikation des Patienten durchging und die Entlassung mit ihm besprach, konnte ich nicht umhin, seine Medizinversorgung in Deutschland als suboptimal, gelinde gesagt, zu bezeichnen. Aus US-Sicht waren zum Teil teure Medikamente wie Reflumilast und auf Dauer gefährliche Medikamente wie ein orales Steroidmedikament bei laut US-Leitlinien unzureichenden Basisinhalations­medikamenten verordnet, wiederum wichtige und günstige Medikamente für das chronische Herzproblem überhaupt nicht verschrieben worden, obwohl wiederum andere, deutlich teurere Medikamente verordnet worden waren.

Auch schien der Patient nicht ausreichend aufgeklärt zu sein über seine Gesundheits­probleme und war ganz erstaunt, als ich ihm mitteilte, dass er bei ausreichender medizinischer Versorgung durchaus noch 85, wenn nicht sogar 90 Jahre alt werden könne – er ist in Deutschland privat versichert und sieht diverse Fachärzte wie Kardiologen, Pulmologen und Internisten mehrmals im Jahr.

Mit gemischten Gefühlen entließ ich diesen sympathischen Mann nach Deutschland (der mich auf sein Ferienhaus nach Spanien eingeladen hatte, ein Angebot, was ich mangels Zeit wohl nie annehmen werde können), in der Hoffnung, dass die angeordnete Therapie fortgeführt werden wird. Was werden die deutschen Ärzte über unsere Therapie sagen und, viel wichtiger, werden sie sie umstellen auf die ursprüngliche und nachher über die Ärzte in den USA den Kopf schütteln, über das Herz-MRT, die Ultraschall- und CT-Diagnostik und wie billig und einfach unsere Medikamente sind?

Leserkommentare

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Avatar #114602
Brech
am Sonntag, 24. Juli 2016, 22:21

Deutscher Patient

Zu lustig, ich hatte von amerikanischen Patienten immer den selben Eindruck. Auf der eienn Seite teure, unnötige Diagnostik und auf der anderen keine Basismedikation. Mein schwer herzinsuffizienter Onkel musste lange auf das neue Medikament aus Europa verzichten, weil die Versicherung es nicht bezahlte-es war Carvedilol.
Avatar #649422
Inkontinenzia
am Sonntag, 24. Juli 2016, 12:03

Mehr Infos..

.. zu ihrer genauen Medikation wären interessant gewesen lieber Herr Kollege. Vielleicht das nächste Mal?
LNS
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