Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Lebensziel?

Montag, 29. August 2016

In einer ähnlichen Situation wie ich stecken sicherlich viele Kollegen – seit mehreren Jahren, bei mir mittlerweile bald schon ein Lebensjahrzehnt, liegt das Medizinstudium hinter mir, die ersten wichtigen Schritte im Beruf sind schon längst getan, die ersten Kinder sind geboren und werden immer älter, aber man ist einfach viel zu jung, um schon an Rente oder ein berufliches Ausscheiden zu denken.

Die Vollzeit und die Teilzeit habe ich ausprobiert, ein Angestelltenverhältnis wie auch Selbständigkeit, und mittlerweile mache ich einen zweiten Facharzt, gehe also in die Unterspezialisierung meines Fachgebietes, genieße auch diese Ausbildung trotz all der manchmal als sehr schmerzhaft empfundenen Restriktionen, doch in weniger als zehn Monaten bin ich fertig. Dann steht die zweite Facharztprüfung an, und spätestens hiernach stellt sich die Frage nach dem nächsten Lebensschritt, letztlich also eine Frage nach dem Lebensziel.

Man bietet mir eine Oberarztstelle am derzeitigen Universitätsklinikum an, und ich fühle mich natürlich geehrt. Woanders bietet man mir die Chefarzt- und an einem anderen Krankenhaus die Direktorposition an, ebenfalls ehrenvolle Stellen, und für die Angebote bin ich dankbar. Doch so recht reizen mich keine dieser Stellen, aktuell eher die Aussicht auf Rückkehr zu einer Teilzeitstelle oder Selbständigkeit und somit mehr Freizeit für all meine Neigungen.

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Ich sprach mit einer Chefärztin über diese Neigung, und sie meinte nur, ich würde mein Potenzial „vergeuden“ und das sei schade für die Patienten und das Berufsumfeld. Ein anderer meinte, ich solle einfach eine berufliche Herausforderung, sprich Ober- oder Chefarztposten, annehmen und würde dann schnell Spaß an der Verantwortung empfinden.

Doch die Argumente greifen nicht und ich denke an viele meiner Kollegen, sehr talentierte und engagierte Ärzte, die reihenweise ähnliche Angebote ausschlagen und stattdessen auf 90 Prozent, 75 Prozent Arbeitszeit oder gar eine Halbzeitstelle umstellen. Ist das ein gängiges Phänomen in der modernen US-Medizin, Arbeitsapathie und Vermeidung von Verantwortung? Liegt das an den als zunehmend einschnürend empfundenen bürokratischen Veränderungen im US-Gesundheitswesen? An den politisch unruhigen Zeiten mit Rückzugstendenz? An Individualisierung und Selbstbeschäftigungsneigung? Oder einfach nur daran, dass einige von uns, ich eingeschlossen, vom „Generation Y“-Virus befallen sind und ein ausbalanciertes Arbeits-Freizeit-Gleichgewicht zugunsten der Freizeit anstreben?

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