Pflegers Schach med.

Pflegers Schach med.

Das ehrwürdige Schachspiel übt auf viele Ärztinnen und Ärzte eine starke Faszination aus. Der Arzt und Internationale Schachgroßmeister Dr. med. Helmut Pfleger weiß davon zu berichten – humorvoll, kenntnisreich und mitunter im Wortsinne rätselhaft.

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Pflegers Schach med.

Tempi passati

Freitag, 19. August 2016

Vor Kurzem las ich in der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift „Krankenhaus mit Geschichte“, dass die Chirurgische Klinik an der Nußbaumstraße vor 125 Jahren ihren Betrieb aufgenommen habe: „Bekannte Ärzte wie Ferdinand Sauerbruch standen dort am OP-Tisch, unter Rudolf Zenker wurde das erste Herz in Deutschland transplantiert.“

Ganz Deutschland blickte damals fasziniert nach München, in der Ufa-Wochenschau vom Februar 1969 sah man einen aufgespreizten Brustkorb mit einem schlagenden Herz und dazu den Kommentar „Ärzte der Münchner Chirurgischen Universitätsklinik wagten die erste Herzverpflanzung in Deutschland und scheiterten“. Man hatte sich akribisch vorbereitet, dennoch überlebte der Patient die Transplantation nur um 27 Stunden.

Wahrscheinlich hatten die Operateure schlicht Pech; bei der Obduktion zeigte sich, dass das Spenderherz durch eine Thrombose vorgeschädigt war.  Ganz sicher indes war das vernichtende Diktum „An der Isar gedeiht die Chirurgie nicht“ des Leibarzts von König Ludwig I., Philipp Franz von Walther, einem der Begründer der wissenschaftlich fundierten Chirurgie, zu dieser Zeit schon lange nicht mehr gültig.  Doch nichts ist ewig. Die Chirurgische Klinik ist in weiten Teilen schon ins Klinikum Großhadern umgezogen, der Rest wird bald auf die andere Straßenseite ziehen. Aus dem damaligen Saal der Herz-OP wurde eine Abstellkammer – „sic transit gloria mundi.“

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All das lässt mich auch an eine eigene Geschichte denken. Im Winter 1967 war ich früh in der Chirurgievorlesung von Professor Zenker und wurde danach unweit der Klinik bei Schneetreiben und Straßenglätte von einem Auto erfasst und auf die Straße geschleudert. Das linke Ohr war weitgehend abgetrennt, am Hals und vor allem aus der linken Arteria temporalis blutete es stark. Wohl brachten mich Passanten in einen Hauseingang und gaben mir eine Decke, doch niemand kümmerte sich – aus Unwissen oder Angst, sich zu beschmutzen – um die angesichts des festen Untergrunds der Kalotte an und für sich leicht zu stillende Temporalis-Blutung. 

Auch die herbeigerufene Polizei hatte nur ein Interesse an meinen Personalien (ich war die ganze Zeit bei Bewusstsein), schließlich muss alles seine Ordnung haben. In der Chirurgischen Klinik wurde ich noch in der Ambulanz ohne Anästhesie (der Schock ist ein gutes Schmerzmittel) notoperiert und bekam etliche Bluttransfusionen. Und von einem der an der OP beteiligten Ärzte hörte ich in meinem gedämpften Bewusstseinszustand: „Das ist Schockbekämpfung, den haben wir noch mal hingekriegt!“ Sehr beruhigend.

Abends ging es mir nach Auffüllen der Blutreserven bereits wieder prächtig, selbst Professor Zenker kam vorbei und fragte mich nach dem Inhalt seiner morgendlichen Vorlesung.

Zum Abschluss noch – im heutigen Reigen der Chirurgie – eine Erinnerung an nicht gar so lang vergangene Zeiten, und zwar an meinen leider schon verstorbenen, persischen Freund Dr. med. Modjtaba Abtahi, Chefarzt der Unfallchirurgie im Prosper-Hospital Recklinghausen, dem ich bei meinen Besuchen schon einmal nächtens bei einer Not-OP die Haken hielt.

Modjtaba war ein begeisterter Teilnehmer der Ärzteturniere, die er mit seinem fröhlichen Wesen und unerschöpflichen Einfallsreichtum, bei dem die Freude an schönen Kombinationen (die sich vielleicht auch aus der Welt von Tausendundeiner Nacht speiste) schon einmal die objektive Prüfung der Stellung in den Hintergrund treten ließ, stets bereicherte.

Diagramm

(wKg2, De4, Te2, Th1, Sg5, Ba2, b4, c3, d4, f2, f4, g4, h4;
sKg8, Dd7, Te8, Tf8, Sh5, Ba3, b5, c6, d6, e6, f7, g7, g6)

Sehen sie, wie er als Schwarzer den letzten Angriffszug g3-g4 von Doktor Lüders erfolgreich konterte und aus seiner etwas gedrückten Stellung heraus überraschend sogar augenblicklich entscheidenden Vorteil erzielte? 

Lösung zeigen

Der Bauerngegenstoß 1...f5! erschütterte die scheinbar so feste weiße Stellung in ihren Grundfesten. Auf 2.gxf5 gewönne nun 2...exf5 3.Df3 Txe2 Sxf4+ mit Damengewinn. Weiß versuchte noch 2.Df3, stand aber nach 2...fxg4 auch auf Verlust – nach 3.Dxg4 kommt wieder die Springergabel 3...Sxf4+ mit Gewinn der Qualität bei gleichzeitig zerfetzter weißer Königsstellung.

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