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Sea Watch 2

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"Für knapp drei Wochen tausche ich die gewohnte Umgebung 'meiner' Intensivstation mit einem Schiff, das auf dem Mittelmeer zwischen Malta und der libyschen Küste patroulliert, um dort in Seenot geratene Flüchtlingsboote aufzuspüren und Schiffbrüchige zu retten. Mit 15 weiteren Aktivisten bin ich Teil der 13. Crew der Sea Watch 2.

Dr. med. Alexander Supady
(Facharzt für Innere Medizin, Notfallmedizin
Universitäts-Herzzentrum Freiburg
Universitätsklinikum Freiburg).

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Sea Watch 2

Sea Watch 2: Sicherheit und Geborgenheit für unsere Gäste

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Sonntag, 23.10.2016

Sicherheit und Geborgenheit für unsere Gäste
Wir fahren auf einem Kurs Richtung Norden und entfernen uns aus dem Rettungsgebiet. Wir haben noch immer über 160 Gäste an Bord, aber wir sollen am Nachmittag auf ein Schiff der spanischen Guardia Civil, das hier ebenfalls für Frontex im Einsatz ist, die Rio Segura, treffen und die Menschen übergeben können.

Wir genießen den Kontakt zu den Menschen, bemühen uns ihnen einige Stunden Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit zu bieten, denn die kommende Wochen und Monate, in denen sie in Lagern untergebracht werden und in Heimen und sich der europäischen Asyl-Bürokratie ausgeliefert sehen, werden für viele belastend sein.

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Und dann? Einige bekommen Asyl und dürfen bleiben. Vielen der Flüchtlinge bei uns an Bord wird das Asyl verweigert werden und sie werden in ihre Heimat zurückgeschickt werden, denn die Gründe für ihre Flucht werden für ein Asyl in Europa nicht anerkannt. Andere werden versuchen unterzutauchen und sich auch ohne Papiere in Europa durchzuschlagen. Sie werden schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs annehmen, einen Großteil des Geldes, das sie verdienen, werden sie an ihre Familien schicken und sie selbst werden weiterhin unter unwürdigen Bedingungen, manche wie Sklaven, leben.

Ich habe eine E-Mail bekommen, in aggressivem Ton geschrieben, in der mir und allen unseren Mitstreitern auf vergangen und kommenden Missionen sowie auch in den anderen Organisationen, die wie wir Rettungseinsätze in dieser Region übernehmen, vorgeworfen wird, wir unterstützten durch unsere Einsätze die Schleuser, die die Menschen in den Booten auf den Weg schicken und wir ermunterten die Leute in die Boote zu steigen, da sie erwarten können, von uns gerettet zu werden.

Eine solche Sichtweise ist respektlos gegenüber diesen Menschen. Sie missachtet die oft schlimmen Lebensumstände, in denen die Menschen die Entscheidung treffen, sich auf diesen gefährlichen Weg zu begeben, und sie ist einfach falsch. Keiner der Geretteten, mit denen wir uns unterhalten haben, wusste von uns oder den anderen Schiffen, die nach Flüchtlingsbooten Ausschau halten.

Die Menschen, die an den libyschen Stränden in die Boote steigen, hoffen und erwarten, dass sie darin Italien erreichen, Europa. Gewiss haben einige die Hoffnung unterwegs von einem Schiff aufgefunden und gerettet zu werden, aber diese Hoffnung ist nicht der Grund dafür, dass sie sich auf den Weg begeben. Die Gründe für die Flucht sind Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, Kriege und Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit. Und nicht sind dafür die Helfer verantwortlich, die nicht bereit sind zu dulden, dass Menschen qualvoll ertrinken, verdursten oder im dichten Gedränge eines Bootes ersticken, nur weil sie auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben keinen anderen Weg sehen, als die gefährliche Reise in einem Schlauchboot über das Mittelmeer.

Am späten Nachmittag, nachdem sie noch einmal bei uns zu essen bekommen haben, übergeben wir unsere Gäste an die Rio Segura. Wir sind erleichtert und zufrieden, dass wir so vielen Menschen helfen konnten. Aber wir sind erschöpft, und wir hatten bisher keine Gelegenheit, die Erlebnisse und Ereignisse der vergangenen Tage zu verarbeiten, daher entscheiden wir, dass wir uns bis morgen weit aus dem Rettungsgebiet zurückziehen, so dass wir uns nicht an möglichen Einsätzen beteiligen können.

Wir müssen das Boot reinigen und aufräumen und wir müssen die Schwimmwesten, die wir in den vergangenen Tagen so oft benutzt haben, waschen, sortieren und neu verpacken, so dass sie für den nächsten Rettungseinsatz wieder verfügbar sind.

Zuerst reinigen wir das Schiff. Wir sammeln die leeren Wasserflaschen, die wir mit frischen Wasser wieder auffüllen können, falls wir noch einmal so viele Menschen bei uns an Bord versorgen müssen. Wir sammeln die benutzten Rettungsdecken zusammen, mit denen sich die Menschen etwas wärmen konnten, wir sammeln Müll und alte Kleidung und wir reinigen die Decks. Barbara und ich reinigen den Medizinraum. Überall liegen die benutzten Schwimmwesten herum, sie stapeln sich auf dem Achterdeck und dem Oberdeck und wir werden uns morgen dringend darum kümmern müssen. 

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Avatar #717145
Tom Hofmann
am Donnerstag, 27. Oktober 2016, 13:30

wow.. klasse - super.

Gut macht ihr das . Ein Orden wird euch sicher sein.
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