Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Die Trump-Hoffnung

Montag, 28. November 2016

Seit dem 8. November 2016 wirkt der Alltag anders in den USA. Wie sehr viele wissen, wurde an jenem Tag der Milliardär Donald John Trump und nicht wie vorausgesagt die Multimillionärin Hillary Rodham Clinton zum Präsidenten der USA gewählt, beziehungsweise erhielt er genug Stimmen, um dann mittels des Wahlkollegs im Dezember zum Präsidenten gewählt zu werden.

Seither liegen in den USA die Dinge völlig anders als ehedem. In den Medien wird viel über die Ängsten berichtet und auch mein Blog wird sich diesem Thema widmen, aber sehr oft kommen nicht jene Menschen zu Wort, die nun auch Hoffnung schöpfen, Hoffnung aus diversen Gründen. Tatsächlich fühlten sich viele von der Politik vergessen und verlassen. Als Arzt begegnen mir viele Menschen und somit nicht nur diejenigen, die Angst vor Donald Trumps Präsidentschaft haben, sondern gerade auch jene, die sich auf sie freuen; einige davon möchte ich kurz darstellen.

Die Arbeiter, jene Menschen die für oft zehn bis fünfzehn US-Dollar Stundenlohn allerlei eher einfach zu erlernende Arbeiten verrichten, wie zum Beispiel Arbeiter am Fließband oder in Einkaufsläden, Menschen, die als Pflegeassistenten oder in Schnell­imbissrestaurants wie McDonald´s arbeiten, sind nun voller Hoffnung, dass der Konkurrenzdruck um ihre Arbeitsplätze durch illegale Immigranten abnehmen und ihr Lohn zunehmen wird. Ist es legitim, sich die Abschiebung illegaler Immigranten zu wünschen? Diese Frage stellen sich diese Menschen nicht, denn für sie geht es um das finanzielle Überleben und weniger um moralische Fragen, die aus ihrer Sicht eher in von abstrakten Diskussionen geprägte Intellektuellenkreise geführt werden.

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Viele Eltern, ob nun Schwarze, Weiße, Latinos oder Asiaten, die Kinder in ärmeren, meist multikulturellen und kriminell gefährlicheren Gegenden aufziehen, hoffen nun auf Verbesserung der Sicherheitslage, Stärkung der Polizei und härtere Strafen gegenüber Kriminellen. Sie hoffen auf Abschiebung von kriminellen Immigranten und Zerschlagung von Banden, hoffen darauf daß ihre Kinder in besseren und sicheren Schulen und öffentlichen Einrichtungen sich freier bewegen können.

Die US-Soldaten, Polizisten und Sicherheitskräfte die mir als Arzt täglich begegnen, sehnen sich nach einer Stärkung ihres Arbeitsumfeldes und Unterstützung ihrer Arbeit. Sie sind der Ansicht als Sündenbock der Obama-Regierung angesehen und als Buhmann von den Medien dargestellt zu werden, sehen sich selber aber als wichtige Pfeiler der Gesellschaft an. Wenn ich zur Visite durch das Veteranenkranken in Nashville gehe, so sehe ich nur grinsende Gesichter angesichts des Wahlsieges des Republikaners Donald Trump.

All die Patrioten, welche die USA auf einem absteigenden Ast sehen, welche sich daran stören, dass zunehmend weniger Respekt vor den amerikanischen Insignien gezeigt werden, haben nun Hoffnung auf eine Rückkehr zu klassischen US-Werten wie Heimatliebe und Patriotismus. All die Millionen Menschen, die sich daran stören, dass Profisportler wie mancher US-Footballspieler nicht mehr der Nationalhymne Respekt zollt, sondern aus ihrer Sicht abfällig auf dem Spielfeld kniet (http://www.usatoday.com/story/sports/nfl/2016/09/01/kaepernick-49ers-teammate-kneel-during-national-anthem/89751668/) sind nun froh über die Wahl Donald Trumps.

Kurzum: Es gibt viele Millionen US-Amerikaner, die Donald John Trump gewählt haben, weil sie Angst hatten, Angst vor einer für sie dunklen Zukunft, Angst vor ungewissen Aussichten, Angst vor einem Abstieg Amerikas aber auch ihrem eigenen, Angst vor Unsicherheit und Unruhen. Diese Menschen sind stolz und voller Hoffnung, wenn ich mit ihnen über die Wahl am 8. November rede und können kaum den 20. Januar 2017 abwarten wenn Herr Trump das Weiße Haus und die Präsidentschaft antritt. Es sind spannende Zeiten in den USA.

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