Vom Arztdasein in Amerika

Warum verdient der schlechte Arzt mehr als der gute?

Donnerstag, 2. Februar 2017

In den USA dreht sich vieles um Geld, und so traurig das für deutsche Ohren klingen mag, man wird nach seinem Einkommen in der Gesellschaft bemessen. „Ich verdiene 500.000 US-Dollar pro Jahr“ aus dem Mund eines Bankiers bedeutet so viel wie „ich bin ein toller Typ“. In Deutschland sind die Verhältnisse zwar etwas anders, aber auch dort gibt es starke Ansätze eines solchen pekuniärbasierten Selbstverständnisses und -bewusstseins.

Was sagt man also zu folgender Situation, und was sagt das über die betreffenden Ärzte aus? Dr. 1 hilft im gleichen Krankenhaus aus wie ich – ich kenne ihn vom Gespräch her, habe ihn auf Station eingearbeitet, finde ihn nicht unsympathisch, aber fachlich vertritt er unseren Stand sehr schlecht: So kommt er morgens erst mit zwei Stunden Verspätung ins Krankenhaus, verlegt jeden Patienten, der ihm zu komplex oder schwierig erscheint, in ein größeres Krankenhaus und ist nach zwei Stunden Blitzvisite längst wieder aus dem Krankenhaus und in seinem vom Krankenhaus bezahlten Hotelzimmer. Er doku­men­tiert zwar sehr gründlich, aber seine Arztbriefe lesen sich wie vom Rechtsanwalt diktiert, mit anderen Worten, als wollte er sich gegen potenzielle juristische Klagen schützen.

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Anders dagegen Dr. 2, ebenfalls nett im ärztlichen Miteinander, der schon eine Stunde vor offiziellem Arbeitsbeginn im Krankenhaus mit der Arbeit beginnt, gründlich jede Akte durchschaut, fast niemanden verlegt und entsprechend eine große Patientenzahl zu betreuen und zu visitieren hat, und meistens länger bleibt als nötig und vom Kranken­haus bezahlt. Natürlich ist der zweite Arzt bei Patienten, Krankenpflegepersonal und der Verwaltung beliebter, aber beide Ärzte werden eingesetzt als Lückenbüßer für eine aktuell nicht besetzte Stelle, und beide werden für eine bestimmte Stundenzahl pro Tag bezahlt, unabhängig von eigentlicher Anwesenheitszeit.

Nun fiel mir durch einen nicht näher zu kommentierenden Umstand die Gehaltszahlung beider Ärzte in die Hände, und mit Schreck musste ich feststellen, dass Arzt 1, also der objektiv schlechtere und arbeitsphobe Arzt, einen knapp 25 Prozent höheren Stunden­lohn als der zweite Arzt erhält, nämlich einen Stundenlohn von 225 gegenüber 180 US-Dollar. Ein Arzt arbeitet ehrlicher und härter, ist deutlich umgänglicher, bemüht sich sichtlich um alle Interessen, und trotzdem erhält er weniger Lohn. Aus amerikanischer Sicht ist aber Arzt 2, weil er schlechter entlohnt wird, der schlechtere beziehungsweise dümmere Arzt, weil er bereit ist, für solch einen Lohn zu arbeiten. Ist das gerecht? Was soll ich diesem Arzt raten?

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Fuessl
am Freitag, 3. Februar 2017, 16:25

Wer mehr verdient, ist der bessere Arzt

In den 70er Jahren war ich bei Verwandten in einer Kleinstadt in Californien zu Besuch. Man gab dort eine Party "to see the Germans". Ein Gast fragte mich gleich nach der Begrüßung, was ich denn als Arzt in Deutschland so verdienen würde. Ich war damals jungen Assistent im Krankenhaus und nachdem ich die ungefähre Summe genannt hatte, meinte mein Gesprächspartner: "You must be a pretty bad doctor".
H. Füeßl
Patroklos
am Freitag, 3. Februar 2017, 13:24

Ist das neu?

Es sind, geschichtlich betrachtet, seltene und gute Zeiten, in denen die Qualität der Ausübung einer Tätigkeit mit der Quantität der Bezahlung dieser Tätigkeit übereinstimmt und dieses dann auch innerhalb eines professionellen Universums realisiert wird.
Die moralische und qualitative Bewertung nur nach dem Einkommen ist aber doch etwas typisch Amerikanisches. Das ist Teil des "american way of life".
Claus-F-Dieterle
am Donnerstag, 2. Februar 2017, 23:26

Antoine de Saint-Exupéry:


"Mensch sein heißt verantwortlich sein."

Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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