Vom Arztdasein in Amerika

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Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Eine unnötige Konferenz

Montag, 27. März 2017

Morgenkonferenz, 8 Uhr, ländliches Krankenhaus: Seit einer Stunde bin ich schon im Krankenhaus, habe die Nachtereignisse (sofern es welche gab), die Laborwerte und alle sonstigen mittlerweile eingetroffenen Befunde gesichtet, die ersten von meinen acht bis fünfzehn Patienten visitiert und blicke etwas genervt auf die Uhr. Es ist kurz vor acht, und es findet der Morgenrapport um diese Uhrzeit an jedem Wochentag statt, Pflicht­programm für mich als Arzt.

Es ist, um genau zu sein, 7:58 Uhr, und typisch für meine deutsche Pünktlichkeit greife ich mir die Haupt- beziehungsweise Oberkrankenschwester und laufe mit ihr zum Konferenzzimmer. Wir treffen pünktlich auf die Minute ein, aber, wie an jedem Morgen, sind weder der Rechner noch der 60-Zoll-Wandbildschirm hochgefahren, und wie an jedem Morgen sind erst die Hälfte der knapp ein Dutzend zählenden Mitglieder an­wesend. Amerikanische Pünktlichkeit eben, ein paar Minuten darf man zu spät kommen, das gilt immer noch als pünktlich.

Was genau wer in dieser Konferenz macht, erschließt sich mir bis heute nicht, denn außer, dass ich sie leite, scheint es keine Konsistenz im Ablauf zu geben. Zwar kenne ich die teilnehmenden Personen, nämlich eine Physio-, eine Atmungs- und eine Funk­tionstherapeutin, aber was genau sie dort machen, was die zwei Kodierungsspezialis­tinnen, die Sozialarbeiterin, eine Oberkrankenschwester, zwischen einer und drei Perso­nen aus der Verwaltung und meistens eine leitende Pflegeangestellte dort machen, ist mir bis heute nicht ganz klar. Alle geben Kommentare ab, man witzelt miteinander, manch­mal erteilen sie mir Rat, aber profitieren tue ich von ihrer Anwesenheit nicht, und die von mir präsentierten Informationen kennen sie auch schon entweder von der Akte oder Gesprächen mit mir.

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Es ist also 8:05 Uhr, und endlich geht es los, der Bildschirm ist an, das EDV-System funktioniert. Ich stelle die Patienten kurz und bündig vor, wenige Sätze genügen, um ihren medizinischen und funktionellen Zustand zu beschreiben, ein weiterer, um die gegenwärtige Therapie und Entlassungsabsicht mitzuteilen. Da ich bei 90 Prozent der Patienten der alleinige behandelnde Arzt bin, sowieso mit den jeweiligen mithelfenden Krankenhausangestellten individuell alles bespreche, die Patienten zweimal am Tag visitiere und ich mit allen stets in Kontakt stehe, kennen wir all diese Informationen doch schon. Es wird nichts Neues in diesen Konferenzen besprochen.

Dennoch ziehen sie sich über eine halbe Stunde hin, manche der Anwesenden fühlen sich verpflichtet, Fragen oder Anmerkungen zu stellen, deren Antwort sie sowieso schon kennen, gelegentlich werden wir durch ein klingelndes Telefon oder den mich anrufen­den Notaufnahmearzt gestört, wobei dann alle geduldig warten, bis dieses Telefonat zu Ende ist. So plätschert diese Besprechung hin, und wie erlöst strömen wir alle gegen 8:30 Uhr hinaus, ich voller Tatendrang loszulegen, die anderen, sich zu ihrer Arbeit zu gesellen.

Die Verwaltung hat uns diese Konferenzen aufgezwungen, weil man irgendwo bei einer Fortbildung davon gehört habe und weil diese die Patiententherapie und -zufriedenheit irgendwie verbessern würden. Doch kennen diese Angestellten wirklich die Gegeben­heiten vor Ort? Wissen sie nicht, welch eine Zeitverschwendung diese Besprechungen morgens sind? Kämen sie wenigstens einmal vorbei, dann würden sie sehen, dass wir schon altbekannte Informationen zum wiederholten Mal durchkauen, also – mit anderen Worten – ineffizient agieren. In Russland würde man sagen: Moskau ist weit entfernt und würde damit meinen, dass man sich nicht an die Gesetze und Regeln zu halten habe; hier sage ich, in Anlehnung daran, die Oberverwaltung ist weit entfernt, aber leider nicht weit genug.

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