Börsebius

Löcher in den Schuhen

Montag, 20. März 2017

Es gibt durchaus Kollegen, die ich schätze. Dennoch zucke ich manchmal zusammen, wenn sie sich als Anhänger der technischen Analyse zu erkennen geben. Diese Leute, auch Chartisten genannt, versuchen nicht nur, aus ehemaligen Kursverläufen und systematischen Wiederholungen Aussagen für kommende Kurse zu treffen, sie glauben auch noch daran. Selbst in der von mir sehr geschätzten Börsen-Zeitung treten zuweilen Experten mit dem Anspruch an, durch Deutung von „Support-Zonen“ oder „Dreifach­boden“ das Kurspotenzial beispielweise des deutschen Aktienindex DAX zu bestimmen.

Und nicht zuletzt habe ich noch etliche Bankberater im Ohr, die ihrem Kunden beschwö­rend zum Kauf eines bestimmten Titels raten, etwa weil dieser die „Widerstandszone“ durchbrochen habe. Der Mandant staunt ob des geheimnisvollen Wissens seines Gurus und nickt so ergeben wie überwältigt. Ob rauf oder runter, die Chartisten wissen eben Bescheid. Zweifel: Null – und sollte sich dieser doch leise regen, spätestens wenn im Chart das „TP-Signal“ gezeigt wird, ist Widerstand zwecklos. Wer wollte sich dem Take-Profit-Signal (TP) wirklich verwehren?

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Also, ob die Börsenkurse bestimmten Mustern folgen, und noch wichtiger, ob aus dieser Erkenntnis Honig gesaugt werden kann, diese Frage hat mich von jeher auch fasziniert. Das beschäftigt mich, seit ich mich dem Studium des Bank- und Börsenwesens vor mehr als einem Vierteljahrhundert hingegeben habe. Aber ich habe schon damals nach wissen­schaftlich belegbaren Beweisen gesucht, dass die technische Analyse „wirkt“ oder signifikante Überlegenheit gegenüber anderen Prognosemethoden liefert, wie etwa der konkurrierenden Fundamentalanalyse. Seien Sie versichert, weder damals, noch in der Zwischenzeit, noch heute sind von der Wissenschaft entsprechende Beweise dafür vorgelegt worden, dass die Fundamentalanalyse irgendeinen Nutzen hat. Tut mir echt leid, das so harsch sagen zu müssen. Anders wäre schöner.

Bleibt eigentlich nur noch die Frage, warum Chartisten eine so große Gemeinde hinter sich scharen und eben nicht reihenweise davongejagt werden. Persönlich glaube ich daran, dass zum einen die rigorose Bestimmtheit der technischen Analysesprache die Leute sehr beeindruckt, aber zum anderen eben auch die Orientierungsgier des Anle­gers selbst eine große Rolle spielt. Sie können es auch Deutungsnot in einer hochkom­plexen Materie nennen. Wir sind süchtig danach, Wiederholungsmuster aufgezeigt zu bekommen. Dann verstehen wir die Welt besser. Was früher der Vogelflugdeuter oder das Orakel war, ist heute der Chartist. Aber das Lineal, mit dem ich „Kopf-Schulter-Formationen“ oder Kaufsignale ziehe, ordnet und erklärt eben nicht komplexe Finanz­märkte, so sehr wir es auch ersehnen. Ehrlich jetzt: Ich habe noch nie einen reichen Chartisten gesehen, kenne auch keinen. Einer alten und für meinen Geschmack immer noch gültigen Börsenregel zufolge haben die Burschen alle Löcher in den Schuhen. Wenn sie sich denn überhaupt welche leisten können.

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