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Vom Arztdasein in Amerika

Bald keine Ärzte mehr in manchen Krankenhäusern

Dienstag, 18. April 2017

Kürzlich teilte mir die Krankenhausdirektorin mit, dass ich als Arzt wohl bald nicht mehr in einem kleineren ländlichen Krankenhaus im Mittleren Westen gebraucht werde, denn man möchte von ärztlicher auf eine durch ärztlich tätige Krankenschwestern (abgekürzt als ÄTK), nurse practitioner, betriebene Versorgung umstellen.

Das ist natürlich eine deutliche Umstellung, und deshalb möchte ich an dieser Stelle die Rolle und Ausbildung einer solchen ÄTK nochmals darstellen: In den USA gibt es einerseits Ärzte, die nach einem achtjährigen Studium und mindestens dreijähriger Weiterbildung als Facharzt für eine bestimmte Fachrichtung arbeiten, also Allgemein­internist, Kardiologe, Neurologe, Notaufnahmearzt, Anästhesist, Allgemeinchirurg et cetera sind.

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Daneben gibt es ÄTK, die nach einem sechs- oder siebenjährigen Studium und einigen Monaten Weiterbildung ebenfalls in einem bestimmten Gebiet wie der Inneren Medizin, Kardiologie, Neurologie, Notaufnahmemedizin, Anästhesie, Allgemeinchirurgie, also letztlich den gleichen Fel­dern wie ein Arzt, arbeiten dürfen.

Die Zahl der Ärzte nimmt seit Jahren zwar zu und dürfte in den nächsten Jahren die Millionengrenze überschreiten (im Jahr 2014 gab es 916.264 Ärzte in den USA), doch vor allem die Zahl der ärztlich tätigen Krankenschwestern steigt stark an, ist alleine im Jahr 2015 um fast zehn Prozent auf nunmehr knapp eine Viertelmillion gestiegen. Diese Zunahme, bei welcher die Zahl der ÄTK stärker als die der Ärzte ansteigt, hat viele Gründe, ist aber ein vor allem in jüngster Zeit stark anzutreffendes Phänomen, welches meiner Meinung nach vor allem in der von Ex-Präsident Obama angestoßenen Gesund­heits­reform, dem Obamacare, liegt.

Denn hierdurch kam es zu einer starken und schnel­len Ausdehnung der Patienten­zahlen, der Arztmangel wurde stark greifbar, ärzt­liche Gehälter stiegen schnell an und wegen dieser Entwicklungen wurden immer mehr ÄTK eingestellt, um eine Gesund­heitsversorgung zu gewährleisten und weil diese güns­tiger als ein Arzt arbeiten.

Ist dieses nun ein Verdrängungsprozess von Ärzten durch ÄTK oder, wie gutmeinende Arztkollegen, Journalisten und Wissenschaftler schreiben, eher ein Komplementierungs­prozess? Das ist letztlich Wortspielerei, denn der Effekt ist eindeutig: Wo früher fast ausschließlich Ärzte tätig waren, kommen immer öfter ärztlich tätige Krankenschwestern zum Zug. So arbeiten ÄTK mittlerweile in vielen Pflege- und Altersheimen, in kleinen oder abgeschieden gelegenen Praxen, zusammen mit Kardiologen, um das große Volumen der Herzpatienten zu händeln oder beispielsweise in der Anästhesie, um routinemäßig PDA, Intubationen, Nervenblocks oder „einfache“ OP-Anästhesien ohne Beisein eines Anästhesiearztes vorzunehmen.

Immer häufiger dringen sie dabei auch in Domänen der Inneren Medizin vor und in ersten Krankenhäusern werden Modelle erprobt, in denen ÄTK nicht nur den Stations­arzt komplementieren und Arbeit abnehmen, sondern ihn vollständig ersetzen. Offen spricht man hier von geldsparenden Maßnahmen, und nun betrifft es also auch ein Krankenhaus, in welchem ich seit zwei Jahren aushelfe.

Das eingeführte Modell ist denkbar einfach: Statt der regulären Stationsärztin und uns Aushilfsärzten, die wir turnusmäßig das Krankenhaus bedienen, wird man drei ÄTK einstellen. Diese werden im 1-1-1-Modus arbeiten, also eine Woche lang 168 Stunden arbeiten, hiernach zwei Wochen freihaben um dann wieder zu ihrer Arbeit zurückzukehren. Insgesamt drei ÄTK werden also die aktuell zwei vorgesehenen Stationsärzte ersetzen.

Das Krankenhaus und die Gemeinde verlieren nun also ihre nächsten Ärzte, denn der Anästhesist wurde schon vor Jahren durch eine ÄTK ersetzt, mittlerweile gibt es neben Krebs- und Hausärzten auch ÄTK, die diese Arbeit erledigen und nun wird also auch der stationäre Internist durch ÄTK ersetzt. Sind bald die Notaufnahmeärzte dran? Gut, ÄTK haben Allgemeinchirurgen noch nicht ersetzt, aber vielleicht komplementieren sie diese bald? Ist das der Anfang eines Verdrängungsprozesses?

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Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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