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Frau Doktor

24-Stunden-Schicht: Was ich mit nach Hause nehme

Mittwoch, 12. April 2017

Die Müdigkeit macht sich langsam breit. Eine 24-Stunden-Schicht liegt fast hinter mir. Ich trage die letzten aktuellen Änderungen in Kurven ein. Ein Klick ins Labor, um die Blutwerte einer Patientin zu überprüfen, dreimal habe ich heute Nacht ihre Elektrolyte kontrolliert. Die Notaufnahme quoll heute Nacht über, seit ein paar Stunden jedoch ist der Berg „abgearbeitet“.

Erleichterung macht sich breit. Ich bin gefasst auf weitere Anrufe, aber habe für einen Moment nicht das Gefühl, nicht hinterherzukommen – bemüht, die Wartezeiten und den ersten Arztkontakt nicht noch mehr zu verlängern.

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Zeit, etwas zu trinken. Ein Plausch mit den Schwestern. Im Hintergrund das Geräusch quietschender Gummisohlen auf dem Klinikboden, eine Klingel, die geht. Eine ältere Dame kann nicht mehr schlafen. Ein junger Mann beschwert sich über seinen Bettnach­barn. Die Lampe, unter die die Nachtschwester die Medikamente für den morgigen Tag stellt, surrt.

Ich habe mir vorgenommen, einige Briefe zu überarbeiten, nachdem ich nach fünf Minuten im Bett um vier Uhr morgens wieder los musste, ein Notfall auf Station. Jetzt um 5.30 Uhr, denke ich, würde ich so tief einschlafen, da bin ich bei der Frühbesprechung zu gar nichts mehr zu gebrauchen. Da kann ich auch gleich wach bleiben. Aber ich merke, wie ich langsamer werde. Ich brauche länger als sonst für die Korrektur.  Gedank­lich komme ich nicht so recht los von den Aufnahmen des heutigen Tages.

Ein Klick links oben, Station auswählen. Ein Doppelklick auf den Namen, wie ging es nach der Aufnahme weiter? Rechtsklick, Labor ansehen, Pfeil zurück. War die Patientin wirklich so jung? Ihr Mann. Der Arme, er war völlig aufgelöst vorhin. Habe ich wirklich auf alles geachtet? Der Andere – Beschwerden seit vier Monaten. Im Ernst? Umso besser, dass es nichts Ernsthaftes war. Habe ich dadurch andere, dringlichere Fälle warten lassen? Ich glaube nicht. Na dann ist gut. Die Angehörigen. Haben Sie mich verstanden? War ich zu hart, als ich sagte, alles Weitere klären wir morgen? Werden Sie Ihren Verwandten gut versorgt glauben? Aber es kam bereits der nächste Rettungs­wagen. Nein, das musste so sein, denke ich. Warum bagatellisiert jemand so unglaub­lich stark? Hätte er das nicht getan, hätte das einen Einfluss gehabt?

Ah, hier der Unter­suchungsbefund des Mannes, der auf die Intensivstation musste. Es musste alles sehr schnell gehen. Ich kann mich jetzt, fünf Stunden später, schon nicht mehr sicher an einige Details erinnern. Ich bin erleichtert, dass ich direkt alles im Auf­nahmebefund dokumentiert habe. Ich lese nochmal nach. Stimmt ja, so war das. Es wird später wichtig sein, zu wissen, wie alles begonnen hat, speziell bei diesem Patienten. Jemand hat Knieschmerzen. Nein, er möchte nichts einnehmen. Er kenne das auch seit Jahren. Er wollte nur Bescheid sagen. Ach, jetzt bin ich eh seit vier Uhr wieder wach, es stört mich gerade nicht, diese „Kleinigkeit“. Ich drehe meine Runde, müde geht es zurück zum Stationstresen. Beim restlichen Protokollieren neben einer netten Nacht­schwester zu sitzen, hält wach und tut auch mal gut.

Quietschen. Die Turnschuhe der Frühschicht schieben sich über den Flur. Jetzt sind es nur noch knapp anderthalb Stunden bis zu unserer Frühbesprechung. Der Lärmpegel steigt. Eine lachende Kollegin kommt mir entgegen. Es ist 7.30 Uhr. Frühbesprechung. Kaffee. Der noch kalte Knopf im Aufzug. Die Nacht hallt nach. Einiges werde ich bis zur nächsten vergessen haben. Die Blicke des verzweifelten Ehemannes nehme ich heute mit. Das ist okay, denke ich, das geht uns allen so. Draußen scheint die Sonne. Ich atme die kalte Morgenluft ein. Das Radio stelle ich wie immer erst an, als ich vom Klinikpark­platz herunterfahre. Abschalten. Mein Ritual, ein paar Gedanken auch dort zu lassen.

Und wie man so sagt „Guten Dienst“ allen, die auch wieder dran sind, wünscht

Frau Doktor

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Adolar
am Mittwoch, 12. April 2017, 21:21

Unglaubliche Zustände

Nach 24 h Dienst darf man sich nicht ans Steuer eines Autos setzen. Das ist akute Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer einschließlich sich selbst. Scheint aber in unserem Krankheitssystem Standard zu sein. Unfaßbar.

Frau Doktor

Frau Doktor

Auf Schritt und Tritt unterwegs mit der ehemaligen Pjane. Die ist jetzt nämlich Assistenzärztin. Kurze und manchmal etwas längere Einblicke aus dem Leben von einer, die neu an Bord ist.

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