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Vom Arztdasein in Amerika

"Ärzte sind Helden"

Donnerstag, 18. Mai 2017

Ich behaupte, dass wir Deutschen verkrampfter mit dem Begriff des „Helden“ umgehen als viele andere in der Welt. Daher möchte ich eine Annotatio zur Stellung des Arztes in den USA machen: Wir werden in den USA als Helden angesehen. Das ist für deutsche Ohren ungewohnt, und schon jetzt höre ich die Einwände, weiß, dass jeder Arzt abhän­gig von einer Reihe an Faktoren, wie gesellschaftliche Ressourcenzuteilung, ihn assis­tierende und unterstützende Kollegen, die Genesung unterstützende Pflegekräfte oder Verfügbarkeit von kurativen Mitteln, um einige von vielen Aspekten zu nennen, ist. Doch die meisten von uns Ärzten, auch ich, fühlen sich an vielen Tagen tatsächlich als Held, retten direkt oder indirekt Menschenleben, erhalten Dankeskarten und lachen und weinen mit ihren Patienten über ihre Genesung oder ihr Sterben.

Doch darf man das öffentlich sagen? Noch spitzer gefragt: Darf man solch eine Einstel­lung und Respekt für diese Leistung von anderen einfordern? Ist die Gesellschaft nicht davon abhängig, dass man Menschen, die ihre Lebenszeit oder manchmal ihr Leben für andere einsetzen, die einem höheren Ziel als nur der Anhäufung von schnödem Mammon oder der Erfüllung einer administrativen Pflicht nachgehen, für diesen Einsatz ehrt? Werden nicht in einer Gesellschaft, in welcher der Respekt vor dem Helden immer schwächer wird, auch langsam die Helden ausgehen, also jene Menschen, die viel Lebensenergie in schwierige Arbeiten investieren? Wer übernimmt dann die großen und manchmal übergroßen Herausforderungen?

Doch wieso schreibe ich überhaupt diese Blognotiz zu diesem Thema? Ganz einfach, denn es trugen sich in einer Woche gleich drei Gegebenheiten zu, bei denen mir das Wort „Held“ zugewiesen wurde. Die erste war, als ich bei einem Patienten eine lebens­bedrohliche Erkrankung (Stanford Typ A Aortendissektion) sehr schnell und trotz sehr untypischer Symptome diagnostizierte und ihn mit einem Hubschrauber zum rettenden Chirurgen, dem eigentlichen Helden, verlegte und dieser 47-Jährige nun also weiter­leben darf.

Der zweite Fall war, als ich in einem Fitnessstudio eine 50-Prozent-Ermäßi­gung für eine Mitgliedschaft erhielt, weil der Besitzer mich als „Held“ betrachtete, als einen, der sich für andere Menschen einsetzt wie zum Beispiel auch (laut ihm) Soldaten, Feuerwehrmänner, Krankenschwestern, Polizisten oder eben Ärzte.

Der dritte Fall war, als ich einer älteren Frau es ermöglichte, mit Würde und ohne Schmerzen im Beisein ihrer Familie zu sterben, als ich nach Dienstende und auch nachts an ihrem Krankenbett saß und durch vorsichtige Dosierung von Morphium und anderen Medikamenten ihr half, glücklich und schmerzarm ins Jenseits zu gelangen. Ihre Familie nannte mich einen „Helden“.

So werden wir Ärzte von vielen als Helden angesehen – sich einer größeren Aufgabe verschreiben und zu ihr zu stehen, dann ist man ein Held und das machen viele, wenn nicht sogar alle Ärzte. Wenn die Gesellschaft einem dafür Respekt zollt, dann haben sich die vielen Jahre des Lernens und Arbeitens gelohnt, und ich bin den Amerikanern dankbar, dass sie die harte Arbeit von uns Ärzten nicht vergessen haben.

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Patroklos
am Dienstag, 23. Mai 2017, 11:54

Anerkennung.

Heldentum ist in Deutschland immer so eine Sache. Da erinnere ich an die "Helden der Arbeit" im real existierenden Sozialismus oder, schlimmer noch, die Helden im Nationalsozialismus. Alles Konstruktionen von Heldentum, vor deren historischem Hintergrund man kein Held mehr sein möchte. Alles andere wäre ziemlich geschichtsvergessen.

Amerikaner haben ein ganz anderes Verständnis von Heldentum, weshalb man hier aus meiner Sicht den Begriff auch nicht einfach übersetzen kann.

Recht gäbe ich Ihnen, wenn Sie von Anerkennung oder Wertschätzung sprechen würden. Die fehlt in Deutschland sicherlich häufig auch für den Beruf des Arztes.

Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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