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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Kommt der Teleinternist bald?

Montag, 8. Mai 2017

Ein Arztkollege, ursprünglich aus einem arabischen Staat stammend und nun seit zehn Jahren in den USA tätig, sieht sich mehr als Geschäftsmann denn als Internist. Jedes Mal, wenn wir uns treffen, will er mich für seine Firma anheuern und versteht nicht, wieso ich seinem Angebot eines 20 Prozent höheren Gehaltes nicht nachgebe.

Dass Geld nicht alles ist, leuchtet ihm irgendwie nicht ganz ein. Dass einer der Gründe, wieso ich nicht für ihn arbeiten möchte, darin liegt, dass vor allem schlechte Ärzte in seiner Zeitarbeits­firma tätig sind, und ich moralisch in keinster Weise mit ihnen mich assoziiert wissen möchte, wie kann ich ihm das bloß vermitteln? Dass es mich ärgert, dass er Kranken­häuser mit exzessiven Gehaltsvorstellungen ausbeutet, dass somit Geld an anderer Stelle eingespart oder von Patienten genommen werden muss, würde er diese Argu­mentation verstehen? Einmal versuchte ich, es ihm zu erklären, doch sein Gegen­argu­ment war eindeutig: „So ist eben Kapitalismus, Sie verdienen doch 20 Prozent mehr“.

Geschäftsmann, der er ist, hat er mehr Arbeit als Ärzte, will als Firma schnell wachsen und groß werden. Doch aus der Not des Ärztemangels will er eine Tugend machen, hat erneut eine neue Idee entwickelt, mit der er hausieren geht: Man soll einfach den vor Ort visitierenden Arzt in kleinen Krankenhäusern abschaffen und dafür einen „Telearzt“ einstellen, also jemanden, der via Videokamera und Bildschirm Diagnosen stellt und Therapien anordnet. Das scheint sowieso seit einiger Zeit in den USA en vogue.

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Er verspricht sich dadurch eine Effizienzsteigerung, jenes von Geschäftsleuten so häufig verwandte Zauberwort, dass ein Arzt nicht nur ein, sondern drei oder vier Kranken­häu­ser auf einmal „visitieren“ könne und somit weder reisen noch vor Ort sein müsse, Patien­ten via Fernseher sehen und Menschenleben aus der Ferne retten könne. Dieser Geschäftsmann nennt sich übrigens selber einen „Visionär“ und ist erstaunt, wie wenig Resonanz er bisher erhalten hat. Ob ich nicht seiner Firma beitreten wolle, fragte er mich kürzlich mal wieder. Ne, ne, ich werde weiterhin ablehnen und bleibe altmodisch, wie ich bin.

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