Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Zwei kranke Systeme

Mittwoch, 31. Mai 2017

Ein ähnliches Szenario hat sich bei zwei Bekannten von mir zugetragen und sagt viel über die Ressourcenzuteilung des Gesundheitssystemes aus: In den USA hatte eine Bekannte von mir chronische Hüftschmerzen. Eines Tages war sie es leid und rief bei ihrem Hausarzt an, um einen Termin zu bekommen, wobei ihr einer erst eine Woche später angeboten wurde.

Sie war ungeduldig, deshalb rief sie bei einem Orthopäden an und erhielt eine ähnliche Antwort,  er könne sie nämlich erst in drei Wochen sehen. Also fuhr sie in die Notaufnahme, wurde dort vom Notaufnahmearzt (einem Facharzt) gesehen. Es wurde ein Röntgenbild und sogar CT-Untersuchung gemacht und die Bekannte wurde mit Schmerzmitteln nach Hause und der wenig überraschenden Verdachtsdiagnose einer Hüftarthrose entlassen.

In Deutschland habe ich eine andere Bekannte, die seit mehreren Wochen an einem schmerzhaften und juckenden Vaginalausschlag leidet. Eines Tages war sie es leid, ging zu ihrem Hausarzt, wurde aber abgewiesen und man gab ihr einen Termin in zwei Wochen. Selbst ein Warten im Wartezimmer brachte nichts.

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Also rief sie ihre Frauenärztin an und erhielt erst einen Termin in sechs Wochen, was ihr ebenfalls nicht passte. Also machte sie sich auf den Weg in die Notaufnahme, wurde dort von einer Ärztin (einer Assistenzärztin) gesehen, die sich darüber echauffierte, dass meine Bekannte für solch eine „Kleinigkeit“ vorstellig wurde, erhielt ein Vaginalpräparat für einen Vaginalpilz ohne nennenswerte Untersuchung und wurde entlassen mit der Aufforderung, bei fehlender Besserung bei einem ambulanten Frauenarzt vorstellig zu werden.

Beide Systeme sind krank, beide Systeme dysfunktional. Mich stört es, wenn Menschen keinen guten Zugang zu uns Ärzten haben, das ärgert mich richtig. „Krankheit gehört ausgerottet“, sage ich zu meinen Patienten, und auch wenn ich weiß, wie unmöglich das ist, so steckt doch der Ansporn dahinter so viel Leid als möglich zu bessern. Doch mir scheint es als gäbe es mehr Probleme im deutschen als im amerikanischen System, als sei eine Behandlung in Deutschland schwieriger zu erhalten als in den USA. Sehe ich das zu subjektiv? Ist die Behandlung nachher doch besser in Deutschland, obwohl so viele Einzeleindrücke von Freunden, Bekannten und Familien dagegen zu sprechen scheinen? 

Leserkommentare

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Avatar #560064
nocure
am Donnerstag, 8. Juni 2017, 16:47

Der Unterschied zwischen D und USA

wird wohl derjenige sein, dass sich dieses Ritual in D jeden Tag tausendfach wiederholt und in den USA aufgrund der Versicherungssituation eher weniger häufig passiert.
Gerade letzte Woche wieder aufgetreten. Da die Dame bei seit Wochen bestehenden Unterbauchbeschwerden nicht ihren Wunschtermin beim Gyn bekam, hat doch der Hausarzt mal so eben sich erpressen lassen und ob der "erheblichen Schwere" der Problematik ein MRT veranlasst. Unauffällig qed.
Kasse freut sich sicherlich...
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 3. Juni 2017, 10:58

Prokrastination ist das Problem!

"Zwei kranke Systeme" können es gar nicht sein, lieber Kollege Peter Niemann. Denn dafür langen Ihre beiden doch sehr alltäglichen Fallbeispiele nicht hin.

Die Ressourcenzuteilungen in deutschen und US-amerikanischen Gesundheitssystemen gehen von vernunftbegabten Patientinnen und Patienten aus. Ein geordnetes, planvolles Agieren aller Beteiligten im Gesundheitswesen ist allerdings nicht immer zu realisieren.

Insbesondere die verbreitete "Prokrastination" (lateinisch procrastinare „vertagen“; Zusammensetzung aus pro „für“ und cras „morgen“), bewirkt z. B. extremes Aufschieben von notwendigen Entscheidungen insbesondere in Zielkonflikten.

Das benennen unsere Patienten aber so gut wie nie am Telefon oder online bei ihren Terminwünschen, blockieren stattdessen Notaufnahmen in Kliniken und Zentralen Ärztlichen Notdiensten bzw. verursachen mit übertriebener Anspruchshaltung krasse Fehlallokationen.

Unabhängig davon ist ein "Hausarzt" kein wirklicher Hausarzt, wenn
1. Kein Akut-Termin innerhalb von 24 bis max. 48 Std. möglich ist
2. Patienten mit chronisch-rezidivierenden Beschwerden ihn nie regelmäßig aufsuchen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #643798
hasler
am Donnerstag, 1. Juni 2017, 11:11

Unangemessene Ungeduld - Verhältnismäßigkeit ist nicht gewahrt

Zitat:
"Eines Tages war sie es leid und rief bei ihrem Hausarzt an, um einen
Termin zu bekommen, wobei ihr einer erst eine Woche später angeboten wurde."

Es gibt bei einem länger bestehenden, NICHT AKUTEN Krankheitsbild, keinen Grund SOFORT (24 Stunden) einen Termin zu bekommen.

"Sie war es leid, .." d.h., ihre Nerven haben es nicht mehr ausgehalten! Ich finde, unter den gegebenen Bedingungen ist ein Termin in 1-3 Wochen durchaus angemessen.

Wenn ich es leid bin, dass meine Heizung (Auto, Waschmaschine usw.) nicht mehr Ihren Dienst so tut, wie ich es mir wünsche, dann gibt es auch keine Firma, die mir das chronische Problem in 24 Stunden durchgreifend löst.

Der Hausarzt (Facharzt) soll springen, "weil sie es leid ist", nicht weil es akut ist. Die Verhältnismäßigkeit stimmt in keinster Weise.

Es steht außer Frage, dass bei echten Notfällen zeitnahes Handeln aller Beteiligten gefragt ist.

Kopfschüttel
Avatar #542090
dr.u.hasler
am Mittwoch, 31. Mai 2017, 22:47

Abweisung von Patienten

Ich bin seit 30 Jahren Hausarzt und habe noch alle Patientenprobleme innerhalb von 12 Stunden gelöst trotz 1500 Pat. pro Quartal. Wer das nicht kann hat seinen Beruf verfehlt !
Avatar #542090
dr.u.hasler
am Mittwoch, 31. Mai 2017, 22:47

Abweisung von Patienten

Ich bin seit 30 Jahren Hausarzt und habe noch alle Patientenprobleme innerhalb von 12 Stunden gelöst trotz 1500 Pat. pro Quartal. Wer das nicht kann hat seinen Beruf verfehlt !
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