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Vom Arztdasein in Amerika

Ist Kanada besser?

Donnerstag, 15. Juni 2017

In einer Aprilausgabe der renommierten Annals of Internal Medicine (Stephenson AL et al, Ann Intern Med 2017; 166 (8): 537–546) wurden jüngst die Überlebenszeiten von in Kanada und den USA behandelten Patienten mit Mukoviszidose verglichen. Muko­viszidose, auch bekannt als zystische Fibrose, ist eine genetische Erkrankung, die vor allem bei Weißen auftritt und durch eine Mutation von bestimmten Chloridkanälen bedingt ist.

Hierdurch kommt es zur Sekretion eines falsch zusammgesetzten, weil zu hoch konzentrierten, Schleimes in diversen Organen wie zum Beispiel der Atemwege, Bauchspeicheldrüse, inneren Geschlechtsorgane und des Dünn­darmes. Die Folge sind Verdauungs- und Fruchtbarkeitsprobleme, aber vor allem eine hohe Infektanfälligkeit in Atemwegen und Lunge, weshalb vor der Ära der Antibiotika und modernen Medizin betroffene Kinder frühzeitig, meistens schon im Kleinkindesalter, an Infektions­erkran­kun­gen verstarben.

Das alles hat sich zum Glück mit der modernen Medizin verändert und deshalb leben betroffene Menschen heutzutage deutlich länger, zum Teil sogar jenseits der 50. Doch sie sind abhängig von der modernen Medizin und einer Vielzahl an Medikamenten, von denen Antibiotika zur Bekämp­fung der immer wiederkehrenden Infektionen nur einen Teil darstellen – ein Teil von ihnen braucht im Laufe seines Lebens sogar eine Lungen­trans­plan­ta­tion, was natürlich einen enormen Eingriff darstellt. All diese therapeutischen Verbesserungen haben glücklicherweise dazu geführt, dass Mukoviszidosepatienten immer länger leben.

Nun wurde in oben zitierter Studie die durchschnittliche Lebenserwartung von Patienten in den USA und Kanada miteinander verglichen, und man stellte fest, dass in Kanada lebende und behandelte Menschen mit Mukoviszidose deutlich länger, nämlich 48,5 Jahre, leben als in den USA, wo ihre durchschnittliche Lebenserwartung bei 36,8 Jahren im Jahr 2011 lag. Es gibt mit anderen Worten eine Diskrepanz von mehr als zehn Jahren, ein Trend, der schon ab Mitte der 1990er-Jahre begann und dann immer deutlicher ausgeprägt wurde. Dieses Ergebnis war für Experten nicht überraschend, für Nichtmukoviszidoseexperten wie mich aber sehr überraschend.

Ich halte sehr viel von der US-Medizin und finde sie sehr leistungsfähig, deshalb vertiefte ich mich en detail in diese Untersuchung und mögliche Erklärungen für diesen Unterschied zugunsten Kanadas. Zwei medizinische Gründe wurden angeführt, weshalb kanadische Patienten länger leben, nämlich eine schon früher öffentlich umgesetzte bessere Ernährung für Mukoviszidosepatienten, wie auch eine höhere Rate an Lungen­trans­plan­ta­tionen.

Doch selbst diese Faktoren können nur einen Teil der Diskrepanz erklären, und deshalb war es besonders spannend, als die Studienautoren die Krankenversicherungen der Patienten in den USA berücksichtigten: Nimmt man jene Amerikaner, die entweder keine oder eine staatliche Krankenversicherung wie „Medicare“ oder „Medicaid“ besitzen, aus der Analyse heraus und berücksichtigt nur die privatversicherten amerikanischen Mukoviszidosepatienten, so ist die durchschnittliche Lebenserwartung die gleiche wie die der kanadischen Patienten. Zugespitzt formuliert entscheidet die Krankenversicherung über Leben und Tod in den USA.

Da vor allem ärmere Menschen in den USA keine Versicherung oder eben Medicare oder Medicaid haben, ist meine Schlussfolgerung eine denkbar einfache: Wer arm ist und eine chronische Erkrankung hat, der kann davon ausgehen, in den USA kürzer zu leben als in Kanada. Globaler und etwas zynisch gesprochen sollten diejenigen, die arm und dauerhaft krank sind, lieber nicht in die USA kommen, sondern nach Kanada ziehen. Ist Kanada also das bessere Land? Ich will hierzu einen Kommentar eines amerikanischen Kollegen anführen, als ich ihm von dieser Studie erzählte: „Der Solidargedanke ist südlich Kanadas geringer ausgeprägt. Dafür sind aber auch die Steuern niedriger. Besser ist abhängig von der Sichtweise“.

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petrulus
am Samstag, 24. Juni 2017, 23:21

Menschen haben ein Anrecht auf Gesundheit

Das Axiom ist klar: Wer unverschuldet krank wird, der hat ein Anrecht auf Gesundheit, wobei die Solidargemeinschaft festlegt wer Teil der Gemeinschaft ist und wieviel gegeben wird. Im konkreten Fall: Kanada geht besser mit seinen Mukoviszidosepatienten um und ich wuenschte mir, dasz die USA das auch so machen wuerde.
Patroklos
am Montag, 19. Juni 2017, 11:58

Ihre Meinung?

Mich würde einmal interessieren, wie Sie denn zu diesem Thema stehen. Sie nehmen in Ihrem Bericht die Vogelperspektive desjenigen ein, der mit all dem nichts zu tun hat und sich über solch ein "Phänomen" nur wundert.
In Ihrem jetzigen Land leben viele Menschen mit einer schweren Erkrankung wegen ihrer Armut vorhersagbar durchschnittlich mindestens 12 Jahre kürzer als andere. Finden Sie das als Amerikafan schlecht oder gut oder haben Sie keine Meinung dazu, und es ist Ihnen eigentlich egal, weil die Steuern und Sozialabgaben ja ach so niedrig sind?
elisse
am Sonntag, 18. Juni 2017, 13:32

So what!

In Kanada sind die Wartzeiten länger, und das wird von den Kanadiern auch akzeptier, weil für alle gleich. Auch andere Indikatoren, wie Müttersterblichkeitt sind in Kanada nicht nur wesentlich besser als in den USA sondern auch landesweit mehr oder weniger gleich, selbst in den abgelegenen Gebieten.

In Deutschland wohl nicht so bekannt, haben US Amerikanische Krankenversicherunge so horrende Selbstbeteiligungen, dass man sie nicht eigentlich Versicherungen nennen sollte.

Das Wort Solidarität ist in den USA selbstverständlich beknannt, wird aber als linksradikales Spinnertum Belzebub gleichgesetzt. Für den Begriff Soldidargeminschaft fehlt dieser Ellenbogengesellschaft jedes Verständnis.
EEBO
am Donnerstag, 15. Juni 2017, 21:26

Okay

Also niedrige Lebenserwartung, aber dafür niedrige Steuern als Trost? Dann man das Mehr auf dem Konto rasch möglichst ausgeben, denn es könnte sein, daß nicht mehr viel Zeit dafür bleibt...

Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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