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Vom Arztdasein in Amerika

„Westeuropäische“ Zähne

Donnerstag, 6. Juli 2017

Kürzlich saß ich mit mehreren Krankenschwestern in einer Kneipe gesellig zusammen. Wir sprachen über alles Mögliche, das gute örtliche Bier, die Schönheit des Mittleren Westens, eigene Kinder, interessante Patientenfälle, aber auch über Reisen nach Europa und Deutschland. Das Gespräch schien sich gerade hier festzubeißen, und wir sprachen eine gewisse Zeit lang über die jeweiligen Gesundheitssysteme Westeuropas und wie sie sich manifestieren.

Mit weißen und geraden Zähnen sprachen die zumeist jüngeren Krankenschwestern von ihren Reisen nach Europa, hier vor allem nach Frankreich, Deutschland und Groß­britannien, und es wurde mehrmals betont, wie auffällig es doch sei, dass nur wenige Menschen in diesen drei eher wohlhabenden und westeuropäischen Länder gerade und weiße Zähne hätten. Den verreisenden Krankenschwestern seien häufiger krumme Zähne, Zahnstein und Verfärbungen in Westeuropa aufgefallen – etwas boshaft wurde vom „westeuropäischen“ Gebiss beziehungsweise Zähnen gesprochen – und das dem „amerikanischen“ gegenübergestellt, einem, bei dem ein helles Weiß und gerade Zäh­ne vorherrschen, das zwar auf viele künstlich, aber eben auch kosmetisch schön wirkt.

Ich kenne beide Systeme sehr gut und weiß, dass die Grundlage des sehr hohen Standards vieler amerikanischen Gebisse auf vier Dingen beruht: Erstens, es werden alle sechs Monate dem Gros der Versicherten eine bis zu zweistündige und sehr gründliche Zahnreinigung bezahlt. Sehr viele Versicherte nehmen das wahr. Zweitens, Zahnbegradigungen werden selbst für 40- und 50-Jährige noch stark bezuschusst, weshalb ich häufiger ältere Menschen mit Zahnspangen im Alltag sehe. Drittens, Zahnkrankenversicherungen bezahlen auch kosmetisch hochwertige Zahnfüllungen und -kronen, wodurch zum Beispiel das unschöne Amalgam kaum in den USA vor­kommt. Viertens, für Amerikaner sind schöne Zähne etwas Wichtiges.

Etwas anders hingegen ist die Mentalität in den drei westeuropäischen Ländern Deutsch­land, Frankreich und Großbritannien. Man hat dort eine staatliche Krankenver­sicherung, die vor allem basale Zahnleistungen bezahlt und bei darüber hinausgehen­den Leistungen die Bevölkerung nötigt, die Kosten zu tragen. Diese Zusatzleistungen sind zwar zahnärztlich und kosmetisch oft besser als die Grundleistungen, aber eben in einem Solidarsystem nicht allgemein tragbar. Wer mehr an Leistung möchte, der zahlt eben extra, wie ich aus persönlicher Erfahrung weiß, mit Erinnerung an einen Privat­kredit, den ich einst aufnahm, um meine Keramikfüllungen bei einem deutschen Zahn­arzt trotz Kran­ken­ver­siche­rung vor Jahren bezahlen zu können.

Das Solidarsystem ist weniger ausgeprägt in den USA, und deshalb gibt es hier rund 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung, die keine nennenswerte Zahnversicherung und des­halb schlechte Zähne haben. Das erklärte ich den Krankenschwestern, und während wir unsere letzte Runde Bier bestellten, viele von ihnen es durch ihre weißen und geraden Zähne tranken und das Thema sich weiterbewegte auf mein jüngstes Kind, beendete eine das Thema des „europäischen“ Gebisses mit der rhetorischen Frage: „Moralisch ist das westeuropäische System besser, doch ist es für uns persönlich und kosmetisch das bessere?“

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nocure
am Dienstag, 25. Juli 2017, 13:08

Ich würde meinen,

dass die Amerikaner noch erheblich plakativer leben, als die Deutschen. Mehr schein als sein ist dort bei vielen ein absolutes Muss, die Selbstdarstellung noch erheblich wichtiger als hier. So kommen zwar tolle Zähne durch die Tür, aber die Hüftoperation gibt es nicht, weil das ach so tolle Gesundheitssystem einen Eigenanteil verlangt, welcher von vielen nicht zu tragen ist?

Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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