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Welchen Erfolg haben internationale Organisationen mit Programmen gegen HIV, Malaria und vernachlässigte Tropenerkrankungen? Welche Rolle spielen NGOs mit Milliardenbudgets beim Kampf gegen Kindersterblichkeit und Mangelernährung, mit ihrem Einsatz für Familienplanung und Impfungen? Welche ethischen Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang? In seinem Blog ‚Global Health‘ befasst sich Dr. med. Alexander Supady mit internationalen Gesundheitsthemen.

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Europa und die Flüchtlinge

Mittwoch, 19. Juli 2017

Die Diskussion über die Situation der Flüchtlinge in Europa und den angemessenen Umgang mit ihnen wird sehr emotional geführt. Eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema tritt oft hinter den Austausch vorgefertigter Urteile zurück, und so prallen Meinungen unversöhnlich aufeinander.  Auch hier hilft eine systematische Analyse, um die Situation besser zu verstehen und Lösungen für die verschiedenen Fragen und Aspekte zu suchen.

Für eine systematische Beurteilung können wir die Betrachtung in drei Teilaspekte untergliedern und diese zunächst unabhängig voneinander analysieren – die Situation der Flüchtlinge, die Situation in den Aufnahmeländern und die Situation in den Herkunfts­ländern.  

Die Situation der Flüchtlinge

Weltweit sind mehr als sechzig Millionen Menschen gezwungen, gegen ihren Willen außerhalb ihrer Heimat Zuflucht zu suchen, mehr als zwanzig Millionen Menschen haben dabei die Grenze ihres Landes überquert und sind damit Flüchtlinge im Sinne der Definition des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Die Route über das Mittelmeer ist für viele Menschen der letzte Schritt auf der Flucht vor Kriegen und Gewalt, Armut, Hunger und Dürre und Perspektivlosigkeit – in den vergangenen Jahren sind mehrere hunderttausend Menschen auf diesem Weg nach Europa gelangt.

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Bevor die Menschen sich in Booten aufs Meer wagen, haben die meisten bereits eine wochen-, monate- oder gar jahrelange Flucht hinter sich. Sie haben sich Schleppern anvertraut, die sie über Landesgrenzen und durch die Sahara gebracht haben, sie lebten untergetaucht in illegalen Unterkünften oder waren eingesperrt in Lagern, in denen oft menschenunwürdige Verhältnisse herrschen.

Die meisten der Flüchtenden sind Nichtschwimmer und dennoch wagen sie sich im Dunkel der Nacht in einfache Boote, in denen sie ohne bedeutende Nahrungs- oder Getränkevorräte, ohne nautische Kenntnisse und ohne Navigationsinstrumente aufs offene Meer hinausfahren. Es ist schwer vorstellbar, welche Verzweiflung die Menschen antreibt, sich in eines der zwölf Meter langen und dreieinhalb Meter breiten Schlauch­boote zu setzen; 150 oder 160 Menschen zwängen die Schleuser hinein, sie sitzen dicht an dicht, manchmal so eng, dass einige erdrückt werden und in der Enge er­sticken. Im Rumpf der Boote sammelt sich ein ätzendes Gemisch aus Salzwasser, Benzin, Öl und Exkrementen, in dem die Menschen barfuß stehen, in dem Kinder und Schwangere stundenlang sitzen und sich dabei schwere Verätzungen zuziehen, manche verlieren durch die giftigen Gase das Bewusstsein.

In solchen Booten haben die Menschen keine Chance, die europäische Küste lebend zu erreichen und daher sind wir verpflichtet, sie aus dieser höchsten Not zu retten, sie an einen sicheren Ort zu bringen, ihnen Getränke und Nahrung zu geben, sie medizinisch zu versorgen. Für diese Nothilfe ist vollkommen unerheblich, wer auf diesen Booten ist und warum und woher er oder sie kommt. Unsere Hilfeleistung ist eine unerlässliche humanitäre Verpflichtung.

Die Situation in den Aufnahmeländern

Lange konnten wir in Europa die Situation der Flüchtlinge unbeteiligt beobachten, denn dies war ein Problem, das sich in der Ferne abspielte. Seit jedoch eine Großzahl an Flüchtlingen aus den Kriegs- und Konfliktregionen des Nahen und Mittleren Ostens, aus den Staaten Nordafrikas nach den Umbrüchen des Arabischen Frühlings und auch aus Staaten südlich der Sahara zu uns gelangen, können wir davor nicht mehr die Augen verschließen, und wir sind zum Handeln gezwungen.  

Die Ursache der Flucht bestimmt unseren Umgang mit den Menschen und unsere Verpflichtungen ihnen gegenüber. Während wir Kriegsflüchtlingen und denjenigen, denen in ihrer Heimat Menschenrechtsverletzungen, Gewalt, Verfolgung und Unter­drückung drohen, Zuflucht gewähren müssen für die Zeit, in der sie in ihrer Heimat nicht gefahrlos leben können, ist unsere Verpflichtung gegenüber den Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen zu uns kommen, eine andere.

Es ist nicht gerecht, dass wir in einem Wohlstand leben, der anderen Menschen ver­wehrt ist, daher ist es verständlich, wenn Menschen aus armen Ländern fliehen und bei uns Zuflucht suchen. Der Zusammenhalt unserer Gesellschaft aber beruht auf vielen Vereinbarungen und Abmachungen, die wir untereinander geschlossen haben, unter anderem, um allen ein ausreichendes Maß an Sicherheit zu gewähren und den Alten, Armen, Kranken und Arbeitslosen ein Auskommen zu garantieren. Wir sind nicht verpflichtet, all diese Vorteile jedem, der von außen Einlass begehrt, zu gewähren, denn das würde den Zusammenhalt unserer Gemeinschaft gefährden.

Die Situation in den Herkunftsländern

Wir alle tragen aber eine Mitverantwortung dafür, dass die globale Wirtschaft fair ist und nicht Einzelne besondere Lasten tragen, während andere ungerechtfertigte Vor­teile ausnutzen, und wir tragen eine Mitverantwortung dafür, dass der Wohlstand und die Ressourcen in der Welt gerecht verteilt sind. In der aktuellen Weltordnung ist dies nicht der Fall und daher stehen wir vor einem Dilemma: Es ist ungerecht, die Men­schen in Länder zurückzuschicken, in denen sie unter Bedingungen leben, in denen gerechtfertigte Ansprüche unerfüllt bleiben, und genauso gibt es keinen gerecht­fertigten Anspruch dieser Menschen, bei uns dauerhaft unterzukommen und von den Errungenschaften unserer Gemeinschaft zu profitieren.

Die Situation in den Herkunftsländern wird sich nur verbessern, wenn wir den Ländern Unterstützung gewähren. Entwicklungshilfe ist hierfür notwendig, und dies in einem weitaus größeren Ausmaß als bisher. Das Ziel der vereinten Nationen, dass die Indus­trie­staaten mindestens 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens für Entwicklungs­hilfe bereitstellen sollen, ist nur ein erster Schritt – und bisher erfüllen diesen Anspruch nur wenige Staaten. Diese Unterstützung wird jedoch nicht die erwünschten Ziele erreichen, wenn wir nicht gleichzeitig die globale Wirtschaft fairer gestalten und wenn weiterhin eine wenige Wohlhabende zahlreiche Arme ausnutzen. Wir brauchen eine globale Wirtschaftsordnung und Freihandelsabkommen, die den Belangen der Entwicklungs- und Schwellenländer gerecht werden und nicht allein den Interessen internationaler Großkonzerne, und wir müssen uns an die Vereinbarungen zum Klima­schutz halten, wie sie unter anderem in dem Pariser Klimaschutzabkommen im Jahr 2015 niedergelegt wurden (das jedoch der amerikanische Präsident jüngst aufgekün­digt hat).

Nur wenn wir unserer Verantwortung zu diesen Verpflichtungen nachkommen, wird es uns gelingen, in den ärmsten Ländern der Welt einen Lebensstandard zu schaffen, der es den Menschen dort ermöglicht, ein menschenwürdiges Leben zu führen in Sicher­heit und in Freiheit und mit einem gerechten Wohlstand. Bis wir das erreicht haben, werden wir nicht umhinkommen, Flüchtlinge aus höchster Not zu retten und sie als Gäste bei uns aufzunehmen!

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Avatar #109
Claas Hüttenrauch
am Mittwoch, 19. Juli 2017, 18:42

Thilo Sarrazin anrwortet Dr. med. Alexander Supady

Haben wir eine Pflicht, den armen Ländern zu helfen?
Die Antwort ist ja.
"...Allerdings wissen wir, dass Nahrungsmittelhilfe langfristig schädlich ist, dass auch die Entwicklungshilfe in den meisten Ländern konzeptionell gescheitert ist und mehr geschadet als genutzt hat. Wir wissen, dass nur Bildung, gute Gesetze, Fleiß und verantwortungsbewusste Eliten Wohlstand erzeugen können. Die Ursachen der Armut können also nur in den armen Ländern selber bekämpft werden. Dabei müssen wir ihnen mit gutem Rat zu Seite stehen. Das ist aber auch das einzige, was wir tun können.
Der Einwanderungsdruck wird weiter steigen
Wir wissen außerdem, dass ausnahmslos alle Krisenländer, von Afghanistan bis Subsahara-Afrika, deren wachsenden Einwanderungsdruck wir spüren, dem islamischen Kulturkreis angehören und seit vielen Jahrzehnten wegen anhaltend hoher Geburtenraten eine Bevölkerungsexplosion erfahren.
Eine Bekämpfung der Fluchtursachen, von der die Bundeskanzlerin immer spricht, kann also nur darin bestehen, in diesen Ländern die kulturellen Einstellungen zu ändern und die Regierungen zu verbessern. Das ist aber von außen unmöglich, es kann nur in den Ländern selber geleistet werden. (Die Änderung kultureller Einstellungen kann Deutschland ja nicht einmal in Griechenland leisten.)
In den islamischen Ländern Afrikas und Asiens werden jedes Jahr 46 Millionen Menschen neu geboren. Die Bevölkerung dieser Länder wächst jedes Jahr um 34 Millionen Menschen. Dagegen werden in ganz Europa bis zum Ural jährlich nur 8 Millionen Menschen geboren, davon in Deutschland 700.000. Das zeigt: Selbst Auswanderungszahlen, die der islamischen Welt kaum demographische Entlastung bringen, würden Europa und Deutschland hoffnungslos überfordern: Neukölln, Duisburg-Marxloh, Bradford oder Marseille wären dann sehr schnell überall.
Speziell in Afrika verdoppelt sich die Bevölkerung gegenwärtig alle 30 Jahre, und die Zahl der Geborenen steigt Jahr für Jahr. Der Einwanderungsdruck wird also weiter steigen. Es ist für das europäische Modell zu einer Überlebensfrage geworden, diese Einwanderung nicht zuzulassen, Wer das nicht sehen will, ist ein Traumtänzer.
Wer unterstellt, wir könnten von Europa aus die Fluchtursachen wirksam bekämpfen, verhält sich wie ein Rosstäuscher. Wer sich vor diesem Hintergrund darauf zurückzieht, man könne Grenzen nicht schützen, gibt die Interessen des eigenen Landes und der europäischen Völker mehr oder weniger kampflos auf...."
http://www.achgut.com/artikel/anmerkungen_eines_nicht_hilfreichen
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