DÄ plusBlogsGesundheitWerden Antibiotika zu lange eingenommen?
Gesundheit

Gesundheit

Gesundheit! Das Internet ist voll von medizinischen Ratschlägen. Viele sind gut gemeint. Manche sind skurril. Nicht alle halten, was sie versprechen. Hinter manchen vermeintlich harmlosen Tipps verbergen sich materielle Interessen. Unser Autor rme recherchiert, was evidenzbasiert ist und was nicht.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Gesundheit

Werden Antibiotika zu lange eingenommen?

Freitag, 28. Juli 2017

Zu den Grundregeln der Antibiotikatherapie im ambulanten Bereich gehört, dass die Medikamente auch dann noch eingenommen werden, wenn die Symptome bereits abgeklungen sind. Als Grund wird nicht nur die Gefahr von Rezidiven genannt. Die längere Einnahmezeit soll auch die Entwicklung von Resistenzen verhindern. Diese Begründung, die sich international in den meisten Leitlinien findet (und in England zum Lehrplan für den Biologieunterricht an Schulen gehört), wird jetzt von einem britischen Infektiologen infrage gestellt.

Martin Llewelyn von der Brighton and Sussex Medical School weist darauf hin, dass die Empfehlungen, die je nach Indikation eine 7 oder 14-tägige Einnahmedauer vorsehen, nur selten in randomisierten Studien überprüft wurden. Und in den Studien, die Therapien unterschiedlicher Dauer verglichen, hat sich die kürzere Antibiotika-Einnahme in der Regel als gleichwertig, wenn nicht sogar als vorteilhaft erwiesen (einzige Ausnahme war die Otitis media, wo in einer Vergleichsstudie zehn Tage besser waren als fünf). Ein Anstieg der Resistenzen wurde in keiner Studie gefunden.

Für Llewelyn wäre dies auch überraschend, denn die meisten Resistenzen entwickeln sich nicht bei den Bakterien, die die Infektion auslösen und Ziel der Antibiotikatherapie sind, sondern als „Kollateral“-Selektion bei Bakterien, die auch bei gesunden Menschen Haut und Schleimhäute besiedeln. Die Gefahr von Resistenzen bei „professionellen“ Erregern, die nur im Krankheitsfall den Menschen angreifen, sieht Llewelyn nur bei wenigen Erregern. Mycobacterium tuberculosis, Neisseria gonorrhoe und Salmonella typhi gehören dazu oder auch Parasiten wie der Malariaerreger Plasmodium falciparum oder das HI-Virus. Bei diesen Erregern werden heute zumeist Kombinationen einge­setzt, die das Risiko der Resistenzentwicklung senken sollen. Hier bleibt ein Abschluss der Behandlung bis zur Eliminierung aller Erreger wichtig. 

Anzeige

Bei gewöhnlichen ambulanten Infektionen durch opportunistische Erreger wie Staphylokokken und Streptokokken könnte die Behandlung  nach Ansicht von Llewelyn bereits früher beendet werden. Wie früh, lässt Llewelyn offen. Er kann allerdings darauf verweisen, dass in der Klinik in der Regel bei jeder Visite neu entschieden werde, ob eine Antibiotikatherapie weiter fortgesetzt werden soll.

Dort werden Biomarker wie der Procalcitonin-Test benutzt, um die Indikation zu überprüfen. Im ambulanten Bereich ist dies kaum praktikabel. Die radikale Forderung von Llewelyn, die Patienten sollten die Mittel einfach absetzen, wenn sie sich besser fühlen, dürfte von den wenigsten Infektiologen geteilt werden. Sie ist ebensowenig evidenzbasiert, wie die langen Antibiotika-„Kuren“. Die Fachgesellschaften dürften sich deshalb den Empfehlungen von Llewelyn nicht anschließen. Die Hypothese könnte jedoch Grundlage für randomisierte klinische Studien bilden.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #722422
singulett
am Montag, 31. Juli 2017, 09:38

Gefahr durch die Laienpresse

Es ist ja unstrittig, dass für die meisten Indikationen die optimale Dauer der antiinfektiven Behandlung aufgrund fehlender randomisiert-kontrollierter Studien nicht bekannt ist; ebenso unstrittig ist, dass es für einzelne Indikationen (ambulant erworbene Pneumonie) entsprechende Untersuchungen gibt, die die Gleichwertigkeit verkürzter Therapiekonzepte zeigen. Aus dieser Tatsache allerdings abzuleiten, JEDE Art der bisherigen Antibiotikatherapie wäre per se zu lang, ist offensichtlich Unsinn.

Aber noch gefährlicher ist die Dynamik, die sich jetzt in der Laienpresse fortsetzt: Der Artikel aus dem BMJ ist ja keine "Studie", sondern ein Impulsartikel zur Diskussion in der Fachcommunity; nur so kann auch der dort gemachte "Vorschlag" zur Beratung von Patienten verstanden werden: "Patients might be best advised to stop treatment when they feel better, in direct contradiction of WHO advice". Das ist natürlich ebenso wenig evidenzbasiert wie die historisch begründete und hier kritisierte, lange Anwendung.

Die Hauptgefahr resultiert jetzt in der Laienpresse durch Überschriften wie "Antibiotika einfach absetzen", vor wenigen Tage z. B. in der größten niederländischen Zeitung:
https://www.volkskrant.nl/wetenschap/volgens-brits-onderzoek-kun-je-een-antibioticakuur-beter-niet-afmaken~a4508327/
Bei uns ist die Berichterstattung (noch...) zumindest etwas differenzierter:
http://www.abendblatt.de/ratgeber/wissen/article211403947/Werden-Antibiotika-zu-lange-eingenommen.html
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 28. Juli 2017, 22:15

Wenn als Schlüssel-Botschaft...

formuliert wird: "Clinical trials are required to determine the most effective strategies for optimising duration of antibiotic treatment" und somit klinische Studie gefordert werden, um die effektivsten Strategien zur optimalen Dauer der Antibiotika-Therapie zu bestimmen, ergibt sich ein logischer Zirkelschluss: Dass derzeit niemand definitiv sagen könnte, wie lange eine Behandlung mit Antibiotika optimaler Weise dauern müsste?

Doch dann darf mit "The antibiotic course has had its day" von Martin J. Llewelyn et al. doch das Ergebnis dieser noch gar nicht vorhandenen Studien nicht einfach vorweggenommen werden!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS
Alle Blogs
Vom Arztdasein in Amerika
Vom Arztdasein in Amerika
Gesundheit
Gesundheit
Frau Doktor
Frau Doktor
Pflegers Schach med.
Pflegers Schach med.
Dr. werden ist nicht schwer...
Dr. werden ist nicht schwer...
Global Health
Global Health
Dr. McCoy
Dr. McCoy
Das lange Warten
Das lange Warten
Sea Watch 2
Sea Watch 2
PJane
PJane
Praxistest
Praxistest
Res medica, res publica
Res medica, res publica
Studierender Blick
Studierender Blick
Britain-Brain-Blog
Britain-Brain-Blog
Unterwegs
Unterwegs
Lesefrüchtchen
Lesefrüchtchen
Gratwanderung
Gratwanderung
Polarpsychiater
Polarpsychiater
praxisnah
praxisnah