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Frau Doktor

Notaufnahme und das Märchen von tausendundeiner Nacht

Dienstag, 8. August 2017

Ich bin gerade vom Tagdienst zurückgekommen. In der Notaufnahme „steppte der Bär“ wie man zu sagen pflegt. Früher sagte man vielleicht, es sei „einer dieser Tage“.

Ich habe stundenlang Patienten gesehen, es waren viele „echte“ Notfälle dabei und gefühlt im Minutentakt stand ein neuer Rettungswagen vor der Tür. Übergabe hier, Verlegung dort, Bildgebung organisieren, Telefonat mit dem Oberarzt, neuer Anruf in der Leitung. Alles schnell. Alles sofort.

Manchmal kann keiner warten.

Natürlich, priorisieren muss man auch zwischen den einzelnen Notfällen. Aber der Stress im Kopf vermehrt sich ins Unendliche, wenn man eigentlich weiß: So richtig warten darf von denen keiner. Schließlich schaffen wir das, irgendwie. Die Unruhe sitzt uns im Nacken, aber tatsächlich: Wenige Minuten später sind diese Notfälle versorgt. Ein Kraftakt, aber es hat geklappt. Es sind bereits die nächsten zwei angekündigt. Bis dahin versuche ich, einen Patienten, der nur leicht erkrankt ist, zu untersuchen, gründlich, aber schnell- denn gleich werden die Angekündigten eingetroffen sein. Am Ende des Tages, sobald ich meiner Ablösung das Telefon in die Hand gedrückt habe, explodiert mein Kopf. Ich musste heute pünktlich los, das stresst mich noch mehr. Denn die Kollegin soll nicht das Gefühl erhalten, ich würde Arbeit bei ihr abladen. Unweigerlich bleiben trotzdem einige Akten auf dem Stapel- Untersuchungsergebnisse stehen noch aus. Ja, heute war es besonders viel.

Aber „einer dieser Tage“? Untertreibung per galore. Die Notaufnahmen werden eingerannt, die Flut an Patienten wird von Jahr zu Jahr größer.  Ich maße mir einen detaillierten Kommentar über die zahlreichen Patienten, die eine Notaufnahme aufsuchen- ohne ein Notfall zu sein- nicht an. Beschwerden seit 3 Jahren? Keine Seltenheit. Die Gründe: Vermutlich mannigfaltig.

Was jedoch auffällt, ist die Diskrepanz zwischen Bewusstsein und Tatendrang der Verantwortlichen unseres Gesundheitswesens.

Das Bewusstsein, dass wir ein Problem haben: Immer mehr Patienten in zu kurzer Zeit für zu wenig Ärzte, Notaufnahmen, die auch von Bagatelltraumen überflutet werden (die aber natürlich, einmal da, ebenfalls gründlich angesehen werden müssen, denn auch die Diagnose einer Bagatelle erfordert den Ausschluss der schweren Dinge), immer mehr Bürokratie: Jeder meiner nicht-medizinischen Freunde schüttelt bereits mit dem Kopf. Denn jeder weiß, dass es pro Ärztekopf eigentlich zu viel ist. Woher wissen sie das? Sie lesen es- überall. Verlassen wir die Welt der Nichtmediziner. Eine Schwester sprach neulich:  Das ist doch nichts Neues. Das wissen doch alle. Es interessiert aber keinen.

Ich weiß noch genau, auf welche Situation sie sich bezog. En Detail ist dies nun nachrangig, was zählt ist: So viel Frust und soviel Alleingelassen sein in einem so kurzen Statement. Unser Ge­sund­heits­mi­nis­ter sagte am 24.05.2016 in einer Talkshow bezüglich der MRSA- Problematik einmal: Es sei vor allem ein Kopfproblem vorhanden. Es müsse ein Schalter umgelegt werden. Tatsächlich trifft das – sehr eingeschränkt- auf die sogenannten Visitenkarawanen hier und da zu. Ich persönlich glaube nicht, dass die Schwester (und der Arzt!), die im Nachtdienst 30 Patienten betreut, gewisse Schalter nicht umlegt. Ich glaube schlicht, sie hat keine Zeit, sich streng nach Protokoll vor und nach jedem Patientenkontakt die Hände zu desinfizieren: Um dies zu erfassen, braucht es nicht viel.

Und die Ärzte? Die Meldungen springen den Lesern förmlich entgegen: Einführung eines- dringend benötigten- Pflegeschlüssels, für Ärzte gibt es wieder keinen. Nicht für Normalstationen, nicht für Notaufnahmen. Wie wäre es mit einem wasserdichten, gesetzlichen? Einer da-beißt-die-Maus-keinen-Faden-ab-Vorgabe? Vorbei wäre der Kampf der Chefärzte, wenigstens eine neue Assistentenstelle durchzuboxen. Seien wir ehrlich: Angesichts der regen öffentlichen Diskussionen über diese Thematik ist es nahezu unmöglich, sich dieser Probleme nicht bewusst zu sein.

Erst recht nicht, wenn man Gesundheitspolitik macht.

Und der Tatendrang? Der macht kleine Schritte. Wir sind sehr dankbar für jeden dieser!

Im Endeffekt ist es doch aber so: Wir können die Problemartikel nicht mehr lesen. Wir würden so gerne mehr Taten sehen! Wo bleiben die bundesweiten Anzeigen der Berufsverbände, die im Fernsehen und in Zeitungen die Nummer des kassenärztlichen Bereitschaftsdienst mit einer großen, im Kopf bleibenden Kampagne bewerben? Nicht nur rechts unten, 5 x 10 cm, sondern als ganze Seite oder mal zur Prime Time? Die dadurch unermüdlich mit uns auf eine Zeit hinarbeiten würden, in der Patienten dort ankommen, wo sie richtig sind? In der die wahren Notfälle schneller drankämen? Wo bleiben unsere Politiker, die erkennen: dutzende Patienten pro Pflegekraft sind einfach zu viel? Die sich einsetzen: Dafür, dass ein Arzt nur eine gewissen Anzahl an Patienten betreuen kann.

Den großen Aufstand proben? Wir sind doch froh, wenn wir schlafen können. Klar, lupenrein ist dieses Argument nicht, obwohl es sich nach stundenlangem Durch­arbeiten sehr lupenrein anfühlt. Natürlich können wir uns nicht davon freisprechen, dass auch wir relativ wenig geschlossen öffentlich unsere Meinung kundtun. Die Gruppe Assistenzärzte im Hartmannbund bildet da eine positive Ausnahme. Warum also die Zurückhaltung, abgesehen von wenig Zeit?  Vielleich ist es der negative Beigeschmack der Mimosenhaftigkeit.

Denn: Wir wollen irgendwie nicht rebellieren.  Wir mögen unseren Beruf.

Mehr als das. Für die meisten unter uns ist es kein Job, überhaupt, das klingt so nach Gelegenheitsbeschäftigung. Wir wollten das. Dafür haben wir jahrelang in Pflicht­seminaren gesessen, unbezahlte drei Monate Pflegepraktikum und weitere unbezahlte vier Monate Famulatur gemacht, haben uns 12 Monate im Praktischen Jahr angestrengt, um etwas mitzunehmen. Wir wollen das auch weiterhin. Menschen helfen.

Der eine mehr der Menschen wegen, der andere, weil er durch und durch Wissen­schaftler ist. Ob eher emotional oder doch mehr Rationalist:  Wir sind hier ganz und gar freiwillig.  Einen unglaublichen Antrieb bedeutend, ist dies gleichzeitig unsere größte Bremse.

Ist der, der meckert, vielleicht einfach nur am falschen Ort? Ist es das, was uns Angst macht?

Es bleibt am Ende des Tages doch so: Die vielen Meldungen, die sind kein Märchen. Geredet wird darüber überall: In der U-Bahn, im Wochenblatt, in der großen überregionalen  Sonntagszeitung, auf Kongressen, auf Podiumsdiskussionen. Die Hoffnung bleibt, dass Taten folgen. Möglichst vor dem 1001. Nachtdienst.

Liebste Grüße und schlaft mal wieder aus!

Frau Doktor

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isnydoc
am Mittwoch, 9. August 2017, 20:57

Notfalls Tatendrang wo?

Das "Ärzteparlament" oder der Deutsche Ärztetag hat seine Tage jährlich im Mai - dieses Jahr in Freiburg und gerade das war ein Ttema unter dem Titel "sektorenübergreifende Notfallversorgung" und führte zu diversen Beschlussfassungen:
http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/120.DAET/Beschlussprotokoll_120_DAET.pdf#%5B%7B%22num%22%3A97%2C%22gen%22%3A0%7D%2C%7B%22name%22%3A%22XYZ%22%7D%2C0%2C756.85%2Cnull%5D
KV-en wurden aufgefordert, ihren Sicherstellungsauftrag zu erfüllen, was schon vor etlichen Jahren zu geänderten Notfalldienstsatzungen führte, die seitdem eine Kostenbeteiligung der dienstverpflichteten Kassenärzte bedeuten.
Ist das, was an Taten für die angestellten Klinikkollegen noch aussteht und sektorenübergreifend zur Einigung beitragen würde?

Frau Doktor

Frau Doktor

Auf Schritt und Tritt unterwegs mit der ehemaligen Pjane. Die ist jetzt nämlich Assistenzärztin. Kurze und manchmal etwas längere Einblicke aus dem Leben von einer, die neu an Bord ist.

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