Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Börsebius

Sollbruchstelle oder die Kunst des Spurenlesens

Montag, 14. August 2017

Es wimmelt in der Börsenlandschaft von armen Toren, die so klug sind als wie zuvor. Und danach erst recht. Schicksalhaft ist bloß, dass die meisten von denen es noch gar nicht begriffen haben, sind sie doch nahezu erblindet auf der Suche nach dem schnel­len Reichtum.

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert studiere ich nun die Finanzmärkte dieser Welt und beäuge staunend die Äußerungen so mancher Experten auf der Suche nach der goldenen Aktie, nach dem schnellen Gewinn, nach der unwiderstehlichen Idee vom immerwährenden Reichtum.

Dabei gibt es Leute, die dem Auf und Ab der Börsenkurse mithilfe der Astrologie auf die Spur kommen wollen (wirklich wahr) oder Chartisten, die aus Kursverläufen Formationen erkennen wollen, die ihnen demnächst sicheres Geld bringen, und doch kenne ich kaum jemanden, der so sicher Löcher in den Schuhen hat wie eben ein Chartist. Arme Kerle eben.

Ich kenne auch hochintelligente Jungs, die den Börsenkursen mit hochkomplexen mathe­matischen Modellen und fetten Computern hinterher explorieren und doch am Ende auch nicht viel reicher sind, als der berühmte Affe aus der Kapitalmarktforschung, der mit Pfeilen auf Aktien (Zettel) schießen durfte und der schließlich auch nicht schlech­ter und nicht besser war als die Experten oder anders herum, die Experten waren auch so gut oder so schlecht wie der artnahe Kollege. Welch schreckliche Erkenntnis.

Der Autor dieser Zeilen ist selbst seit Ewigkeiten Mitglied der relativ ehrwürdigen DVFA (Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management). Im „Verband der Investment Professionals in Deutschland“, wie er sich selbst bezeichnet, lassen sich dann alle möglichen Methoden der Asset Allokation und der Finanzanalyse lernen. Wir, die Analysten, haben freilich auch das Recht (und die Pflicht), den börsennotierten Unter­nehmen bei sogenannten Analystenkonferenzen auf den Zahn zu fühlen und dann anschließend eine Meinung zur Aktie zu haben, kaufe ich sie jetzt und auf der Stelle, oder doch erst morgen oder vielleicht später oder bloß nicht, auf gar keinen Fall. Toll, dass die Vorstände eines Unternehmens einem Rede und Antwort stehen. Könnten. Wollen sie aber nicht immer. Oft genug habe ich erlebt, dass die einem die Hucke voll gelogen haben, bis sich die Balken bogen. Aber immerhin auf hohem Niveau.

Bei allem Respekt vor ernsthafter Suche nach der „richtigen“ Methode, unterbewertete Aktien aufzuspüren, sei es das Dividendenmodell oder die Bestimmung des Fair Value oder die Ermittlung des Kapitalwerts, für mich ist – neben all diesen Methoden als Hilfsinstrument – der Königsweg ein anderer. Es gilt, die „Sollbruchstelle“ eines Unter­nehmens auszuloten. Was meine ich damit?

Es gibt in der Geschichte von Firmen immer wieder einschneidende Ereignisse oder Veränderungen, Wendemarken, die vorher so nicht zu erkennen sind, oft genug von der Presse auch nicht als so einschneidend beurteilt werden, die aber doch die Zukunft des Unternehmens völlig verändern. Das nenne ich eben „Sollbruchstelle“. Das gilt im Guten wie im Schlechten.

Ein wunderbares Beispiel für eine – negative – Sollbruchstelle war SGL Carbon. Vor Jahren war die Aktie mein Liebling. Dann kam die Entscheidung von Daimler, kein Carbon mehr im Karosseriebau zu verwenden. Ich erinnere mich noch gut, wie viele Kollegen anschließend immer noch 100 Argumente fanden, warum die Aktie dennoch ein Kauf sei. Und das eben ist genau falsch. Die Sollbruchstelle „kein Carbon mehr“ war die entscheidende Botschaft zum Ausstieg. Ich habe SGL Carbon damals sofort auf „verkaufen“ gesetzt. Heute ist die ehemals gefeierte Aktie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Aus Sollbruch wird Einbruch.

Es geht aber auch andersherum. Es ist schon einige Jahre Jahr, da habe ich an dieser Stelle zum Kauf der Deutschen Post getrommelt, wer es nachlesen mag, Deutsches Ärzteblatt, Jahrgang 108, Heft 48 vom 2. Dezember 2011, „Goldgelbe Zukunft“. Der Kurs war damals bei unsäglich traurigen 11 Euro und die von mir erfühlte „positive“ Soll­bruch­stelle war damals der steigende Internethandel. Heute notiert die Postaktie bei rund 33 Euro und wird aktuell von manchen Banken zum Kauf empfohlen. Immer noch! Begründung: „steigender Internethandel“.  Dabei denkt Amazon schon seit einiger Zeit daran, Pakete selbst zu versenden. Echt krass.

Wo wir eingangs ja schon bei Faust und Goethe waren, beantworte ich gerne die Gret­chen­frage, ob ich denn auch ein paar aktuelle Sollbruchstellen parat hätte. Ja bitte, natürlich. Vor einigen Wochen habe ich in meine Börsebius-Top-Ten-Masterliste (die Liste können Sie gerne kostenlos unter rombach@rompress.de anfordern) Uniper und Innogy als Kauf aufgenommen, Sollbruchstelle: „substanzträchtige Abspaltung vom Mutterkonzern“. Heute belohnen schon deutliche Kursgewinne diesen Schritt und beide sind immer noch attraktiv.

Und für die Fans der Verliererstraße stehen in meiner Liste als „bloß nicht“-Kandidaten die Aktien der Automobilzulieferer (Sollbruchstelle: Sparzwang bei den Autokonzernen) und Wohnungsbaugesellschaften (Sollbruchstelle: Gefahr steigender Zinsen). Der jüngste Kurseinbruch bei Schaeffler zeigt schon mal für die Automobilzulieferer die mögliche Richtigkeit meines Ansinnens.  Bei alledem gilt es zu beachten, dass Soll­bruch­stellen auch schon mal halten. Will heißen: An der Börse ist alles möglich. Auch das Gegenteil.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Börsebius

Börsebius

Unser Kolumnist Börsebius ist jetzt auch online. Sie erfahren alles über seine durchaus kritische Sicht der Finanzmärkte und spannende Wertpapiere

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Aktuelle Kommentare