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Vom Arztdasein in Amerika

Das teure Gesundheitssystem am Beispiel eines Knieleidens

Dienstag, 12. September 2017

Eine etwas ältere Patientin begann eines Tages, Knieschmerzen zu haben. Sie hatte das betroffene Knie vor sechs Jahren ersetzt bekommen, und es war bis zu jenem Krank­heits­tag stets ohne Beschwerden gewesen.

Sie ging also zum ersten Arzt, ihrem Hausarzt, der sie untersuchte und Schmerzmedi­ka­mente (Ibuprofen und Voltarengel) verschrieb. Doch hiermit wurden die Schmerzen nicht wirklich besser, und deshalb ging sie zwei Tage später in die örtliche Notauf­nahme. Dort röntgte man das Knie, stellte einen kleinen Erguss fest und verschrieb erneut Schmerzmedikamente, dieses Mal stärkere Opiatpräparate.

Doch der Knieschmerz besserte sich weiterhin nicht, und deshalb ging sie drei Tage später zur Notaufnahme in einer größeren Stadt, wo man ein MRT anordnete und erneut einen kleinen Knieerguss feststellte und ihr andere Schmerzmedikamente und ein die Muskeln relaxierendes Mittel verschrieb. Dennoch besserten sich die Schmer­zen nicht und so wurde sie bei einem Orthopäden wenige Tage später vorstellig, der erneut ein Röntgenbild machen ließ, wiederum denselben kleinen Erguss feststellte und ihr eine Salbe (Lidocaine) gegen ihren Knieschmerz verschrieb, und ihr anbot, das Knie in zwei Wochen zu injizieren.

Einige Tage später, bei weiterhin bestehendem Knieschmerz, ging sie zur Routine­untersuchung zu ihrem Nierenarzt, klagte über diese Symptomatik, und er wies sie ins Krankenhaus ein – nicht wegen des Knies wohlgemerkt, sondern weil sie fünf Kilo­gramm an Gewicht zugelegt hatte und er ein Herzversagen vermutete.

So wurde ich dann ihr behandelnder Arzt. Fünf Ärzte hatten sie vor mir gesehen, keiner die Ursache ihres Knieschmerzes diagnostizieren und sie somit lindern können, dafür aber hohe Kosten und Aufwand verursacht. Man hatte ihr Knie aus Angst vor einer möglichen Infektion des Knieersatzes nicht punktiert und wohl aus Zeitmangel statt gründlicher Anamnese und Untersuchung diverse bildgebende Verfahren und Thera­pien versucht, alle ohne Erfolg.

Ich selber erhob die Anamnese, untersuchte sie und machte dann einen Ultraschall, was meinen Verdacht eines Gichtanfalls bestätigte. Ich verschrieb Colchicin und bestimmte den Harnsäurespiegel, der, wenig überraschend, sehr hoch war und damit auf eine Gichtneigung deutete. Natürlich behandelte ich auch das Herzversagen und nach zwei Tagen entließ ich die Patientin schmerzfrei und mit ursprünglichem Gewicht.

Diese Patientengeschichte illustriert, weshalb das Gesundheitssystem in den USA so teuer sein kann: Statt eine Diagnose mittels einfacher Mittel wie Anamnese, Unter­suchung, Punktion oder Ultraschall zu stellen, verwendet man sehr gerne bildgebende Verfahren und ist schnell mit dem Verschreiben diverser Medikamente. Das tut man aus vermeintlichem Zeitmangel und Angst vor Komplikationen. Von dieser Vorgehensweise profitieren viele Gruppen wie Apotheken, die Pharmaindustrie, bestimmte Arztgruppen wie die Radiologen, doch nicht immer der Patient, wie man an diesem Beispiel sieht.

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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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