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Global Health

Eine unbeobachtete Katastrophe

Montag, 25. September 2017

Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden, die Lage im Jemen zu beschreiben. Empörung und Zorn, Wut, Erschütterung, Erschrecken. Dort herrscht seit Jahren ein grausamer Bürgerkrieg zwischen der von Saudi-Arabien unterstützen Regierung und den Huthi-Rebellen, die Iran unterstützt. Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung hängt von internationaler Nothilfe ab, Millionen Menschen sind vom Hungertod bedroht. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und so hat sich in dem Land, überwiegend abseits der öffentlichen internationalen Wahrnehmung, in den vergangenen Monaten die schlimmste bekannte Choleraepidemie ausgebreitet – bisher haben sich nach Angaben der WHO mehr als 600.000 Menschen infiziert, es wird geschätzt, dass mindestens 2000 Menschen an den Folgen der Erkrankung gestorben sind. Das Internationale Rote Kreuz befürchtet, dass sich bis Ende des Jahres mehr als 850.000 infiziert haben könnten.

In dem Bürgerkrieg geht es um Macht und um Einfluss, wie in jedem Krieg. Saudi-Arabien kämpft um seinen Machtanspruch und geriert sich als Schutzmacht der Regierung, während Iran wie auch in anderen Konflikten des Nahen und Mittleren Ostens, zum Beispiel in Syrien, als deren Gegner hervortritt und die schiitischen Huthi-Rebellen unterstützt.

Empörung kommt auf beim Anblick des der ausgemergelten Kinder, die Augen tief eingesunken. Der Krieg hat diese Notlage hervorgebracht und er erhält sie aufrecht – mehr als die Hälfte der Gesundheitseinrichtungen des Landes sind geschlossen. Die Epidemie hat sich mittlerweile auf das ganze Land ausgebreitet, aus allen Regionen werden Erkrankungsfälle und Todesfälle gemeldet.

Zorn kommt auf, denn diese Epidemie wäre vermeidbar gewesen, der Tod so vieler Menschen, viele von ihnen noch Kinder, hätte verhindert werden können. Das Problem einer Choleraepidemie ist weniger der Erreger, als es die sanitären Bedingungen und der Zugang zu sauberem Trinkwasser sind.

Wut kommt auf, denn eine solche Epidemie tritt nur in armen, vernachlässigten Ländern auf, meist nach schweren Naturkatastrophen mit Überschwemmungen, wenn viele Menschen unter mangelhaften sanitären Bedingungen auf engem Raum leben – im Jahr 2010 beispielsweise in Folge des Erdbebens in Haiti. In Jemen gab es nicht einmal eine Naturkatastrophe, es gab keine Überschwemmung, zu weiten Teilen ist in dem Land trockene Wüste. Der Grund für die Epidemie ist der Bürgerkrieg.

Erschütterung kommt auf, denn die Tatenlosigkeit der reichen Länder des Nordens gleicht einer fahrlässigen Tötung der Ärmsten, die die Leidtragenden sind in dieser Notsituation. Es ist erschreckend wie nüchtern und unbeteiligt über die Situation berichtet wird, wie gleichgültig der vermeidbare Tod so vieler Menschen wahrgenommen wird, wie nüchtern diese Epidemie beobachtet oder besser ignoriert wird.

Wir können uns nicht um jeden einzelnen kümmern, wir können nicht jedem Menschen in Not helfen oder ihn retten. Es ist aber ein unerhörtes Versagen der internationalen Gemeinschaft, allen voran der wohlhabenden Staaten des Westens, dass sich diese schleichende Epidemie zu einem solchen Ausmaß ausbreiten konnte. Für dieses Versagen gibt es keine Entschuldigung und keine Rechtfertigung.

Die beste Prophylaxe für das Auftreten der Cholera und anderer Infektionserkran­kungen sind Entwicklung und Sicherheit. In stabilen und leistungsfähigen Gesundheitssystemen, in Ländern, in denen die Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser und zu sauberen sanitären Anlagen haben, kann sich die Cholera nicht ausbreiten.

Nothilfe wie sie die WHO im Jemen leistet und koordiniert, ist eine humanitäre Verpflichtung. Effizienter wäre jedoch ein frühzeitiger Aufbau und eine Stärkung des gesamten Gesundheitssystems, denn die Ausgaben zur Nothilfe tragen nicht zur Entwicklung des Landes bei, die verhindern keinen erneuten Ausbruch und sie stärken nicht die Reaktionsmöglichkeiten des Landes auf weitere oder anhaltende Ausbrüche.

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Welchen Erfolg haben internationale Organisationen mit Programmen gegen HIV, Malaria und vernachlässigte Tropenerkrankungen? Welche Rolle spielen NGOs mit Milliardenbudgets beim Kampf gegen Kindersterblichkeit und Mangelernährung, mit ihrem Einsatz für Familienplanung und Impfungen? Welche ethischen Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang? In seinem Blog ‚Global Health‘ befasst sich Dr. med. Alexander Supady mit internationalen Gesundheitsthemen.

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