Vom Arztdasein in Amerika

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Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Arzt unter Beobachtung

Mittwoch, 22. November 2017

Ein 57-jähriger Patient entließ kürzlich meine Kollegin und ich wurde zu seinem neuen Krankenhausarzt bestimmt. Das hatte Konsequenzen nicht nur für mich (aufgrund von Mehrarbeit), sondern gerade auch für sie. Doch bevor ich hierzu komme, möchte ich erläutern, was passiert war.

Jener besagte Patient leidet an metastasiertem Darmkrebs und hat seit zwei Jahren verschiedene Chemotherapien erhalten, leider mit nur begrenztem Erfolg. Mittlerweile ist der Darmkrebs nicht nur in der Leber, sondern auch in allerlei Knochen, in der Bauch- und Brusthöhle und in der Lunge anzutreffen, die Krebserkrankung ist also weit, weit fortgeschritten und der Patient hat nur noch wenig Überlebenszeit vor sich. Das ist für ihn und seine Familie sehr traurig, und sie haben den voraussichtlich sehr bald eintretenden Tod noch nicht akzeptiert – ein Psychoanalytiker würde von Verdrängung des imminenten Todes sprechen.

Meine Kollegin, eine Internistin mit mehr als 30 Jahren Berufserfahrung, und zwar etwas direkt, aber nicht besonders ruppig veranlagt, nahm diesen Patienten wegen Schwäche und eines niedrigen Natriumspiegels auf. Leider entwickelte er außerdem eine rasch sich verschlimmernde Lungenentzündung, musste auf die Intensivstation verlegt werden, und hier riet meine Kollegin ihm, sich weniger auf Heilung als auf Linderung seiner Symptome zu konzentrieren, empfahl also das Absetzen der Antibiose und stattdessen Sauerstoff- und Morphiumgabe, was sehr viele Menschen in seiner Situation tatsächlich sich vom Arzt erbitten. Sie sagte ihm und seiner Familie weiterhin, er liege im Sterben, und selbst wenn er diesen Kranken­haus­auf­enthalt überleben würde, so wäre er massiv geschwächt und würde dann wohl einige Wochen später an einem anderen Problem oder Komplikation des Krebsleidens sterben.

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Das wollte die Familie nicht hören und rief umgehend das krankenhauseigene Büro für Patientenangelegenheiten an, beschwerte sich über sie und bat darum, einen anderen Arzt zu erhalten, sie also zu entlassen. So übernahm ich den Fall, und obwohl ich die Lungenentzündung und Natriumspiegel bessern konnte, so trat genau das ein, was meine Kollegin gesagt hatte: Der Patient wurde sehr geschwächt nach Hause entlassen und wird mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit in wenigen Wochen an seinem Krebs­leiden versterben.

Doch obwohl meine Kollegin medizinisch richtig gehandelt hatte, so hat diese Patientenbeschwerde Konsequenzen. Denn nun war sie dazu verpflichtet, sich zwei Tage lang von einem Mitarbeiter des Krankenhauses (von der Abteilung für Patienten­angelegenheiten) bei ihrer Arbeit und Visite beobachten zu lassen.

Morgens um sieben Uhr stand dieser knapp 30-jährige Mann bei uns im Büro und begleitete sie überall hin, beobachtete jede ihrer Interaktionen nicht nur mit Patienten, sondern auch mit dem Krankenpflegepersonal, Familienangehörigen und selbst mit uns. Er machte sich Notizen und von Zeit zu Zeit besprach er sich mit ihr, wollte ihr helfen, „noch besser auf die Bedürfnisse der Klienten einzugehen“, wie er mir auf meine Nachfrage hin versicherte.

Meine Kollegin nahm das zum Glück mit viel Humor, stellte ihn uns manchmal scherz­haft als ihren neuen Freund und Verehrer vor, während ich sicherlich das alles ernster und als Kritik an mir aufgenommen hätte. Sie hat eben viel Erfahrung im Umgang nicht nur mit Krankheiten und Patienten, sondern auch mit dem amerikansichen Gesund­heits­system.

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