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Frau Doktor

Was sollen wir denn noch alles machen?

Donnerstag, 2. November 2017

Es passierte gegen 21.30 Uhr auf der Überwachungsstation. Seit ein paar Wochen bin ich dort (alles auf neu, alles auf Anfang – das ewige Muster) eingesetzt und versuche, mich möglichst schnell in den Modus einer Intensivstation einzugrooven. Wir beginnen um 8 Uhr morgens, eine Schicht geht bis 21 Uhr, dann ist Ende der Übergabe, man geht Schlafen und das Spiel der 13 Stunden beginnt erneut. Aber wie das so ist, am Anfang, man ist langsamer, hat danach noch Dinge zu erledigen und: Irgendwas ist ja immer.

An besagtem Tag hatte ich unter den neuen aufgenommenen Patienten einen dabei, dessen Symptome sehr wechselhaft waren. Wir beobachteten ihn daher noch eng­maschiger als ohnehin schon üblich und waren quasi in Alarmbereitschaft- obwohl er aktuell durchaus wach und stabil war. Aber gedanklich notierten wir eben „Wackel­kandidat, nicht in Sicherheit wiegen“. Wir waren angespannt.

Die Ehefrau war bereits im Begriff zu gehen, da kam sie noch einmal auf mich zu. „Ich habe gehört, wenn mein Mann stabil bleibt, nehmen Sie ihn in zwei Tagen als Patienten für den klinischen Untersuchungskurs. Gucken Sie, dass er dann anständig aussieht? Vielleicht in den grauen Schlafanzug? Da passen Oberteil und Hose zusammen. Der liegt ganz oben im Schrank.“

Nachdem ich ihr versichert hatte, dass wir das bestimmt einrichten könnten und kurz geschmunzelt hatte, mussten wir alle auch kurz mit den Augen rollen. Wir waren fertig. Es war am Ende einer Schicht, uns brummte der Kopf. Die Pflege hatte Betten und Patienten hin- und hergefahren, Infusionen gestellt, piepsende Monitore zum Schweigen gebracht und den ganzen Tag unbezahlbare Arbeit am Patienten geleistet. Überwachung heißt ja auch immer: Alles noch nicht ausgestanden, Hab-Acht-Stellung. Ich selbst war froh, mir das Gefühl des halbwegs erhaltenden Überblicks über meine Station verschafft zu haben. Alle lebten noch. Und dann kommen Menschen mit Schlafanzugwünschen.

Im gedimmten Licht des Stationscounters blickte ich ihr hinterher, eine Frau, der Rücken leicht gebeugt, doch so dankbar, dass dieser Abend vorerst gut ausgegangen war. Wie lange sie wohl verheiratet sind, dachte ich. 40 Jahre sind es wahrscheinlich mindestens. Der Mann war bis dato kerngesund, noch nie im Krankenhaus gewesen. Vielleicht ist es eine der wenigen Nächte, die sie ohne ihn verbringen muss. Alles ist neu für sie: die Intensivstation, die vielen Monitore, die Angst. Alles woran sie sich festhält: Ein letztes Stück Fürsorge, das sie nicht in unsere Hände abgeben musste, weil wir jetzt für ihn sorgen – medizinisch. Ein Schlafanzug. So banal es wirken mag, manchmal ist das alles, was einem als Angehöriger bleibt. Ein kleines Stück Normalität aus dem Leben, wie es bis zu diesem Tag war.

Auf unserer Seite ist es stressig und ja, auch überfordernd. Wir gehen bisweilen alle an unsere Grenzen. Auf der anderen Seite aber, da bricht für manche Menschen eine Welt zusammen. Und da stehen wir jetzt und versuchen, die Bruchstelle zu kitten.

Grüßt herzlichst alle, die sich an der gleichen Aufgabe versuchen

Frau Doktor

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Auf Schritt und Tritt unterwegs mit der ehemaligen Pjane. Die ist jetzt nämlich Assistenzärztin. Kurze und manchmal etwas längere Einblicke aus dem Leben von einer, die neu an Bord ist.

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