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Gesundheit

Kann ein Morbus Alzheimer durch Bluttransfusionen übertragen werden?

Mittwoch, 8. November 2017

Chinesische Forscher haben in einem sogenannten Parabiose-Experiment den Blutkreislauf zweier Mäuse verbunden, von denen eine an Morbus Alzheimer litt. Zwölf Monate später wurden die Beta-Amyloid-Ablagerungen auch im Gehirn der anderen Maus nachgewiesen. Ist der Morbus Alzheimer also eine ansteckende Krankheit und was bedeuten die Ergebnisse für die Sicherheit von Bluttransfusionen?

Nach einer derzeit unter Neuropathologen viel diskutierten Hypothese könnte der Morbus Alzheimer zu den Prionen-Erkrankung gehören. Die Ursache wäre eine gestörte Faltung von Beta-Amyloiden, die ein normales Recycling verhindert und zur Ablagerung in den Hirnzellen führt, die daraufhin absterben. 

Nach der Prionen-Hypothese sind die Ablagerungen Folge einer Kettenreaktion. Ein einzelnes Protein überträgt danach seine abnorme Faltung auf andere Proteine, so dass wie in einem Kartenhaus nach und nach alle Proteine zu Prionen werden. Wenn eines der Prionen in einen anderen Organismus der gleichen Spezies gelangt, würde die Kettenreaktion auch hier einsetzen. 

Die Experimente, über die ein Team um Weihong Song von der dritten medizinischen Militäruniversität in Chongqing in Molecular Psychiatry (2017; doi: 10.1038/mp.2017.204) berichtet, wirft deshalb die Frage auf, ob der Morbus Alzheimer eine ansteckende Krankheit ist und auf andere Tiere übertragen werden kann.

Die histologischen Untersuchungen sind eindeutig. Bei der ersten Maus handelte es sich um ein Tier, bei dem es aufgrund von zwei Gendefekten zu den gleichen Ablagerungen von Beta-Amyloiden wie beim Menschen kam. Die histologischen Befunde der zweiten Maus zeigen, dass sie nach 12 Monaten ebenfalls an einem Morbus Alzheimer erkrankt war. Die Forscher fanden Amyloid-Ablagerungen in der Wand der Blutgefäße und im Hirngewebe. Auch andere Alzheimer-Veränderungen wie Tau-Hyperphosphorylierung, Neurodegeneration, Neuroinflammation und Mikro­hämorrhagie waren nachweisbar. Im Hippocampus war die Langzeit-Potenzierung gestört, die Grundlage der Gedächtnisbildung ist.

Ein weiteres Indiz für die Übertragbarkeit des Morbus Alzheimer wurde bei Patienten gefunden, die nach der Behandlung mit Wachstumshormonen aus menschlichen Hypophysen an einer Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung (CJD) gestorben sind. Bei den Empfängern handelte es sich meistens um Kinder, die wegen Wachstumsstörungen behandelt worden waren. Die meisten starben in jungen Jahren am CJD: Bei keinem wurden ein Morbus Alzheimer diagnostiziert. Die genaue Untersuchung von acht Gehirnen ergab jedoch, dass sechs Beta-Amyloide akkumuliert hatten, davon vier in größerer Menge. Die Patienten waren bei ihrem Tod zwischen 36 und 51 Jahre alt, eigentlich zu jung für einen Morbus Alzheimer. Die Erkrankung wurde bei ihnen möglicherweise nur deshalb nicht diagnostiziert, weil sie vorher an der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung gestorben waren.

Wenn Beta-Amyloide durch Blutkontakte übertragen werden, könnte die Sicherheit von Bluttransfusionen gefährdet sein. Zwar kommen Patienten mit Alzheimer-Demenz nicht als Spender infrage. Die Latenzzeit könnte jedoch bedeuten, dass die Übertragung durch Bluttransfusionen zu einer Zeit erfolgte, als die Krankheit noch keine Symptome erzeugt hatte. Vom Beginn des Morbus Alzheimer bis zur Demenz sollen wie bei CJD mehrere Jahrzehnte vergehen.

Die Möglichkeit einer Übertragung durch Blutkonserven lässt sich deshalb theoretisch nicht ausschließen. Praktisch scheint sie aber keine Rolle zu spielen, wie eine im letzten Jahr in den Annals of Internal Medicine (2016; 165: 316-24) veröffentlichte Studie zeigt. Forscher des Karolinska Instituts hatten die Daten von fast 1,5 Millionen Menschen aus Schweden und Dänemark analysiert, die zwischen 1968 und 2012 Bluttransfusionen erhalten hatten. In 2,9 Prozent der Fälle stammte das Blut von Menschen, bei denen später eine neurodegenerative Erkrankung diagnostiziert wurde. 

Die Empfänger dieser Blutkonserven erkrankten später nicht häufiger an einer Demenz. Die Autoren ermittelten eine Hazard Ratio von 1,04, die mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,99 bis 1,09 nicht signifikant war. Das enge Konfidenzintervall schließt aus, dass ein deutlich erhöhtes Risiko übersehen wurde. Auch die Analysen zum Morbus Alzheimer (der häufigsten Demenzursache) und dem Morbus Parkinson (der ebenfalls im Verdacht steht, durch Prionen aus den Lewy-Körperchen übertragen zu werden) ergaben keine Hinweise.

Dennoch dürften sich die Blutbanken Gedanken darüber machen, ob sie Spender in Zukunft auch nach Alzheimer-Erkrankungen in der Familie fragen sollten, die, wenn sie in jüngeren Jahren auftreten, auf eine mögliche Gefährdung des Patienten und ein potenzielles Risiko seiner Blutspende anzeigen könnten.

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